Abendessen mit Sandra Grether frühabends im Noodles e Figli. Die Fischsuppe ist versalzen, vielleicht ist der Koch verliebt? Sie sprechen über das Dilemma, dass es einen männlichen Blick auf Frauen, also auch auf Musikerinnen gibt, und wie sich dieser im Popjournalismus, also nicht nur im Musikexpress und im Rolling Stone, sondern auch überall sonst manifestiere. Nur: Wo sind die Frauen, die schreiben?
Als V2 Schneider im Glauben, es sei vielleicht 19:00 Uhr, seinen BlackBerry checkte, war es bereits 19:40 Uhr. Fluchtartig verließ er das Restaurant und radelte zur Kathedrale, wo er an diesem Abend als DJ des Elektroakustischen Salons drei Sets vor, zwischen und nach Wolf Eyes und Merzbow zu bestehen hatte.
Das erste Set: Ein Mix aus der kompletten CD »Unglaublicher Laerm« von den Einstürzenden Neubauten, von Béla Bartóks »Music for String Instruments, Percussion and Celesta« und »Revolution No. 9« von The Beatles. V2 Schneider erlaubte es sich, Handy-Störgeräusche aus dem Track »Death Mask« von Aa sowie brutalen Noise von Skull Defekts’ »Sex Fractions« hinein- und wieder hinauszumischen. Der Auftritt von Wolf Eyes verzögerte sich unangekündigterweise, sodass Schneider improvisieren und schlussendlich eine halbe Stunde überbrücken musste. Er spielte also:
Blixa Bargeld: »Somewhere over the Rainbow«
Alec Empire: »Opening Theme«
Autechre: »Triale«
Kraftwerk: »Expo 2000«
Caribou: »Bowls«
Gil Scott-Heron: »Me and the Devil«
Burial: »Shell of Light«
Und in wundervoller Weise begannen Wolf Eyes ihre Gitarrenrückkopplungen in Kristof Schreufs »A Walk in the Park« hineinzuschrauben, dass es eine reine Freude war.
Das zweite Set füllte die kurze Umbaupause: Thelonious Monk: »’Round Midnight«, Billie Holiday: »I Cover the Waterfront«, Miles Davis: »Rated X«.
Dann: Merzbow, ein militanter Nichtraucher. Noch nicht einmal durfte in der Loge gebröselt werden. Das Geheimnis seines Erfolgs sei an dieser Stelle dennoch verraten: Vom Apple-Laptop und von einer selbstgebauten Gitarre aus jagt Akita Masami düsenjetgleiche Soundwellen ins Publikum, dazu prügelt Drummer Balazs Pandi wie ein Irrsinniger auf sein Schlagzeug ein. Was das Publikum im Rausch nicht mitbekommt: Alle Obertöne, von denen man meinen könnte, sie kämen von einer wilden Bearbeitung der Becken, kommen vom Laptop. Pandi beschränkt sich darauf, auf die Toms zu hauen – das allerdings in großer, schneller Virtuosität.
Das dritte Set:
Spliff: »Damals«
Miles Davis: »Yesternow«
Llyod McNeal: »Home Rule«
Miles Davis: »What I Say«
Miles Davis: »It’s About that Time«
Miles Davis: »Honky Tonk«
Vermutlich wären die etwa 60 Gäste, die dem Sound von Miles Davis über die gigantische Funktion-One-Anlage des Berghains andächtig folgten, auch noch bis zum nächsten Morgen geblieben. Aber es gibt immer ein nächstes Mal.
Noch 26 Tage.