Dissonanz

von Max Dax

Tag dreihunderteinundvierzig

Im Kaffee Burger ließ sich V2 Schneider in der Nacht an der Garderobe von John, dem Weissager, die Tarotkarten legen. Die erste Karte, die er zog, war die Queen of Spades, Schneider musste schlucken. Die zweite Karte war die Niederlage, eine fünf. Die dritte Karte war die Enttäuschung, ebenfalls eine fünf. Die fünf, sagte John, steht für Unstimmigkeit und Dissonanz. Schneider wollte das Spiel abbrechen, aber John bestand darauf, dass er eine vierte Karte zog. Dafür übergab John ihm die Karten und bat Schneider, diese in seiner rechten Hand zu halten und mit seiner linken zu mischen.

Er zog die Sonne.

Noch 19 Tage.

Tag dreihundertsiebenunddreißig

Zu Fuß zum U-Bhf Hermannplatz.
Mit der U8 ab Hermannplatz bis Jannowitzbrücke.
Fu Fuß bis zur Linienstraße.

Die feuchtwarme Schwüle war unerträglich. V2 Schneider klebte sein in Neapel bei Fusaro gekauftes Hemd an der Haut. Im temporären Buchladen des Suhrkamp-Verlags bewunderte er die reine Form Willy Fleckhaus’ und wie die Bücher der Edition Suhrkamp, einer Installation gleich, in die von Rafael Horzon und Friedrich von Borries gebauten Regale eingepflegt waren.

Ein Kind griff bunte Bücher aus den Regalen und legte sie an anderen Orten wieder ab. Ein anderes Kind sammelte diese an den anderen Orten abgelegten Bücher wieder ein und stellte sie zurück in die Regale.

An der weißen Theke des weißen Raumes signierte Durs Grünbein Liebesgedichte. Schneider kaufte sich ein Exemplar von Grünbeins giftgrünem ES-Band »Die Bars von Atlantis« und ließ es sich signieren: »Es war wieder einmal auf Reisen, in einem Hotelbett, wo Halluzinationen sich leichter ausbrüten lassen, in einer schmalen Gasse Neapels oder in Sichtweite der San Francisco Bay – an einem Ort jedenfalls mit exklusiver nächtlicher Anbindung des Unbewussten ans Meer.«

Nachdem Heinrich ihm dazu angeraten hatte, überlegte er sich ernsthaft, ob er es ihm nicht gleichtun und 100 Euro auf Internazionale Milano setzen solle, die Mannschaft von José Mourinho.

Doch in der schwülen Hitze des Nachmittags vergaß er diesen Plan bald.

Noch 23 Tage.

Tag dreihundertsechsunddreißig

Wundersame Koinzidenzen. Am Nachmittag hatte V2 Schneider in einem längeren Telefonat mit Christoph Schlingensief über das weitverbreitete Missverständnis der Authentizität gesprochen, demzufolge Romanautoren im weitesten Sinne Autobiografisches zu thematisieren hätten und nicht immer neue Patchworks aus Gefundenem und Aufgelesenem knüpfen dürften. Schlingensief nennt das Beispiel Helene Hegemann, und dass er die ganze Gehässigkeit in der Diskussion um ihre Person nicht nachvollziehen könne, schließlich arbeite man auf der Theaterbühne fast ausschließlich mit Fremdmaterial – von zufällig Aufgeschnapptem bis hin zu gezielt Gesuchtem. Und wenn alle Stränge reißen, riefe er dann nächtens, das sei wichtig, denn nur in der Nacht schliefen die meisten Menschen, und umso stiller seien die Städte in diesen Stunden, Peymann oder Castorf an und frage diese um Rat oder gleich nach passenden Passagen, die er, Schlingensief, dann nach dem Prinzip Copy-and-Paste in seinem eigenen Patchwork aufgehen lassen könne.

Am Abend dann stellte ihm D. auf den Stufen der Volksbühne Ost Helene Hegemann vor. Doch zum Gespräch kam es nicht, schon war sie weitergehuscht in ein anderes Grüppchen. Immerhin: Es gab sie wirklich.

Ansonsten blieb festzuhalten, dass die Band Health ihr Publikum mit Tricks an der Nase herumführte und dass die Band Liars dieser Tage nicht so recht wusste, was sie eigentlich genau will, und deshalb auf Zeit spielte. Der immense Applaus, den die Liars abbekamen, hatte möglicherweise eine ganz einfache Erklärung: Kaum einer in der Neonstadt wusste, was er eigentlich will. Viele Bewohner der Neonstadt spielen auf Zeit.

Noch 24 Tage.

Tag dreihundertfünfunddreißig

Das Abendessen markierte zugleich die Einweihung des neuen Kühlschranks, einem Modell der Energiesparklasse A++, natürlich eine deutsche Präzisionserfindung von Bosch. Diesem entnahm V2 Schneider ein Dutzend Sylter Felsenaustern und zwei Kabeljau-Filets, die sie gemeinsam mit thailändischem Chili, Zitronengras, Ingwer und wildem Spargel im Ofen zubereiteten. Das abendliche Mahl verlief weitgehend wortlos. Im Nu hatten sie eine Flasche weißen Corvo Duca di Salaparutas geleert. Sie wussten ja, worauf sie sich eingelassen hatten. Sie mussten sich Mut antrinken.

Wunderschöne Natur polnischer Wälder, Auen und Flüsschen. »Seit Claude Lanzmanns ›Shoah‹«, schrieb Klaus Theweleit unlängst in Spex, »wissen wir schließlich, dass es so etwas wie eine unschuldige Natur nicht mehr gibt. Je unberührter die Wiesen und Landschaften, desto blutgetränkter der Boden.«

Ruhende Kamera auf dem lächelnden Gesicht Mordechaï Podchlebniks, einem von zwei Überlebenden von ca. 400.000 in Chelmno umgebrachten Juden. Er war Mitglied eines jüdischen Sonderkommandos, das von der SS eingesetzt worden war, um die Drecksarbeit bei der in Chelmno noch nicht, wie später in Auschwitz industriellen Ermordung zu verrichten.

Claude Lanzmann: »Was ist mit ihm geschehen, als er das erste Mal die Leichen entlud, als die Türen seines ersten Gaswagens geöffnet wurden?«

Übersetzerin, das Jiddisch Podchlebniks übersetzend: »Was sollte er machen? Er hat geweint… Am dritten Tag hat er seine Frau und seine Kinder gesehen. Er hat seine Frau in die Grube gelegt und verlangt, dass man ihn tötet. Die Deutschen haben ihm gesagt, er hätte noch die Kraft zum Arbeiten, und sie würden ihn noch nicht töten.«

Nachdem sie den ersten Teil von »Shoah« zuende geschaut hatten, verabschiedeten sie sich schweigend.

Noch 25 Tage.

Tag dreihundertvierunddreißig

Abendessen mit Sandra Grether frühabends im Noodles e Figli. Die Fischsuppe ist versalzen, vielleicht ist der Koch verliebt? Sie sprechen über das Dilemma, dass es einen männlichen Blick auf Frauen, also auch auf Musikerinnen gibt, und wie sich dieser im Popjournalismus, also nicht nur im Musikexpress und im Rolling Stone, sondern auch überall sonst manifestiere. Nur: Wo sind die Frauen, die schreiben?

Als V2 Schneider im Glauben, es sei vielleicht 19:00 Uhr, seinen BlackBerry checkte, war es bereits 19:40 Uhr. Fluchtartig verließ er das Restaurant und radelte zur Kathedrale, wo er an diesem Abend als DJ des Elektroakustischen Salons drei Sets vor, zwischen und nach Wolf Eyes und Merzbow zu bestehen hatte.

Das erste Set: Ein Mix aus der kompletten CD »Unglaublicher Laerm« von den Einstürzenden Neubauten, von Béla Bartóks »Music for String Instruments, Percussion and Celesta« und »Revolution No. 9« von The Beatles. V2 Schneider erlaubte es sich, Handy-Störgeräusche aus dem Track »Death Mask« von Aa sowie brutalen Noise von Skull Defekts’ »Sex Fractions« hinein- und wieder hinauszumischen. Der Auftritt von Wolf Eyes verzögerte sich unangekündigterweise, sodass Schneider improvisieren und schlussendlich eine halbe Stunde überbrücken musste. Er spielte also:

Blixa Bargeld: »Somewhere over the Rainbow«
Alec Empire: »Opening Theme«
Autechre: »Triale«
Kraftwerk: »Expo 2000«
Caribou: »Bowls«
Gil Scott-Heron: »Me and the Devil«
Burial: »Shell of Light«

Und in wundervoller Weise begannen Wolf Eyes ihre Gitarrenrückkopplungen in Kristof Schreufs »A Walk in the Park« hineinzuschrauben, dass es eine reine Freude war.

Das zweite Set füllte die kurze Umbaupause: Thelonious Monk: »’Round Midnight«, Billie Holiday: »I Cover the Waterfront«, Miles Davis: »Rated X«.

Dann: Merzbow, ein militanter Nichtraucher. Noch nicht einmal durfte in der Loge gebröselt werden. Das Geheimnis seines Erfolgs sei an dieser Stelle dennoch verraten: Vom Apple-Laptop und von einer selbstgebauten Gitarre aus jagt Akita Masami düsenjetgleiche Soundwellen ins Publikum, dazu prügelt Drummer Balazs Pandi wie ein Irrsinniger auf sein Schlagzeug ein. Was das Publikum im Rausch nicht mitbekommt: Alle Obertöne, von denen man meinen könnte, sie kämen von einer wilden Bearbeitung der Becken, kommen vom Laptop. Pandi beschränkt sich darauf, auf die Toms zu hauen – das allerdings in großer, schneller Virtuosität.

Das dritte Set:

Spliff: »Damals«
Miles Davis: »Yesternow«
Llyod McNeal: »Home Rule«
Miles Davis: »What I Say«
Miles Davis: »It’s About that Time«
Miles Davis: »Honky Tonk«

Vermutlich wären die etwa 60 Gäste, die dem Sound von Miles Davis über die gigantische Funktion-One-Anlage des Berghains andächtig folgten, auch noch bis zum nächsten Morgen geblieben. Aber es gibt immer ein nächstes Mal.

Noch 26 Tage.

Tag dreihunderteinunddreißig

Auf der Zugfahrt zurück nach Berlin Südkreuz trank V2 Schneider im Speisewagen einen Pott schwarzen Filterkaffee und hörte das neue Album von Dead Weather, »Sea of Cowards« auf Repeat. Einige der Sound Effekte vom Synthesizer in dem Song »Looking at the Invisible Man« erinnerten ihn an Progrock-Experimente der Berliner Band Spliff. Besonders angetan aber hatte es ihm der Text zu dem Song »No Horse«:

I ain’t got no horse
I ain’t got no horizon
Just a scar under my eye
I swear I got from crying

[…]

I sit and watch my cigarette smoking on itself
I sit and watch my cigarette smoking on itself
I sit and watch my cigarette smoking on itself
I sit and watch my cigarette smoking on itself

Noch 29 Tage.

Tag dreihundertdreißig

Aufgewacht in Rosengarten bei Hamburg. Aufgewühlter Himmel, Pferde auf den Weiden, Vogelschwärme in der Luft. Standbilder großer Pracht.

Am Abend gewinnt der FC Bayern München gegen den FC Werder Bremen das DFB Pokalfinale mit 4:0 Toren.

Noch 30 Tage.

Tag dreihundertneunundzwanzig

Während der 90-minütigen Zugfahrt im ICE Stefan Heym von Berlin Südkreuz nach Hamburg Hbf schaute V2 Schneider aus der abgedunkelten Scheibe seines Abteils der ersten Klasse auf die Weiten der Mark Brandenburg.

Er hörte Musik von Yoko Ono und las die dazugehörigen Liner Notes, verfasst von ihr selbst, in welchen sie von einer Periode des Hungers während des Zweiten Weltkriegs berichtet: »One day, I saw my brother looking extremely tired and sad. It pained me to see him like that. […] Suddenly, a good idea came to me. I explained to my brother that we were going to think of a dream menu. ›Think of the dinner you want to eat.‹ He started slowly. ›I want ice cream.‹ – ›But that’s a dessert. We should start with soup, of course.‹ We created an elaborate meal in the air. My brother’s face started to light up. Finally, he gave me the sweet chuckle I loved so much.«

Noch 31 Tage.

Tag dreihundertsiebenundzwanzig

Mit einem lauten Klirren fiel der schwere, stählerne Glaswechselrahmen um, die Dielen waren von Scherben und Glassplittern übersät. V2 Schneider setzte sich auf den Fußboden, betrachtete eine Weile das zerstörte Glas und schloss dann die Augen. Mantrahaft wiederholte er Satz: »Everything happens for a reason.«

Am Abend begab er sich in die Kathedrale, wo er mit Peter Bömmels, vor drei Jahrzehnten der Gründer von Spex, ein Bier trank.

Set #1:
Alec Empire: »Opening Credits«
Cinematic Orchestra: »Continuum«
Bernard Hermann: »Diary of a Taxi Driver«
Billie Holiday: »I Cover the Waterfront«
Jimmy Scott: »Strange Fruit«
Burial: »Etched Headplate«
Lamé Gold: »Helter Skelter«
Gil Scott-Heron: »Me and the Devil«

Set #2:
Kraftwerk: »Die Stimme der Energie«
Autechre: »Triale«
Chloé: »Diva«

Set #3:
Kraftwerk: »Europa Endlos«
Caribou: »Odessa« (Junior Boys Remix)
Joakim: »Love & Romance & A Special Person«
Crookers feat. Kelis: »No Security«
Phoenix: »1901«
Caribou: »Bowls«
Justice: »Genesis«

Just in dem Moment, an dem V2 Schneider die Nadel auf die Einlaufrille von »Europa Endlos« setzte, stand sie neben ihm und bot ihm lächelnd eine P&S an. Gemeinsam tranken sie Sekt auf Eis. Gemeinsam erlebten sie von der Loge des DJ-Pultes den Auftritt der Schwedin Robyn, und wie ein Ruck der Euphorie durch das hysterische Publikum zuckte.

Doch Schneider war alles egal.
Noch 33 Tage.

Tag dreihundertsechsundzwanzig

Am Abend vor der großen Party telefonierte V2 Schneider mit Mike Patton. Er hatte kurz zuvor grünen und weißen Beelitzer Spargel gegessen, die Tunke aus Spargelwassersud, Parmesanraspeln, Salz, Pfeffer und Olivenöl war schwindelerregend. Nur das Bier war, folgerichtig, angesichts des kaputten Kühlschranks, warm.

– Mike, wie weit südlich bist du in Italien gereist?

– Bis ganz in den Süden. Ich habe es immer gemocht, in Neapel umzusteigen und mich mit einem Mal, auf der Strecke nach Reggio di Calabria, in einem Bazaar wiederzufinden, wo dir unentwegt Bauchhändler steuerfreie Zigaretten, Essen und Getränke anbieten. Oder Musikkassetten von Pino Daniele.

– Was mochtest du an diesem Gebahren?

– Dass es anarchistisch ist. Dass es so etwas wie Geheimwissen darstellt für denjenigen, der es erlebt hat und anderen sodann davon berichtet. Meine italienischen Mitreisenden, zumeist aus Bologna, mochten den Süden zwar, aber sie schämten sich für die Anarchie.

– Magst du die süditalienische Küche?

– Vor allem im Vergleich zur amerikanischen: In Amerika halten sich die Menschen penibel an die Anweisungen in den Kochbüchern. Sie nehmen exakt eine halbe Messerspitze Salz, oder sie geben abgemessen eine Unze Zucker an die Tomatensauce. In Süditalien hingegen gibt man immer so viel von einem Gewürz oder einer Ingredienz dazu, bis es passt.

Noch 34 Tage.