Tag zweihundertachtundsechzig
Den Tag über verbrachte er damit, den von Spiegelscherben, Staub und Spinnweben überzogenen Westflügel aufzuräumen. Kartons voller Erinnerungen trug er von einem Raum in den anderen; Kisten voller Bücher von Hölderlin, Celan und Simenon. Am frühen Abend kochte er sich dann einen Ingwertee und betrachtete aus dem Fenster das rege Treiben der dicken Schneeflocken, und wie sie den Straßenzug in nur wenigen Minuten mit einem stummen Weiß überzogen. Er öffnete das Internet und staunte nicht schlecht, als er realisierte, dass Bob Dylan vor drei Tagen seine diesjährige Tournee in Japan begonnen – und er es vergessen – hatte. Er hatte vor kurzem sogar mit dem Gedanken gespielt, im Mai nach Tokio zu fliegen, um den Fischmarkt zu fotografieren und sich die sechs Konzerte in der Zepp-Halle anzuschauen, bis ihn sein New Yorker Freund, der Architekt, mit dem er gemeinsam geflogen wäre, darauf hinwies, dass er sich im Monat geirrt hatte.
Da auf YouTube bereits alle Mitschnitte bereitstanden, hörte er zunächst in das frischeste, also das bisher dritte der insgesamt fünf Osaka-Konzerten hinein. Dass Dylan die Setlist mit »Stuck Inside of Mobile With the Memphis Blues Again« eröffnete, ließ viel hoffen. Auch, dass er in den drei Sets bisher 37 verschiedene Songs gespielt hatte, ließ darauf schließen, dass die Konzerte in Fernost sich im Laufe der Zeit zu einer spannenden Angelegenheit entwickeln dürften. Er hörte die Musik laut, während er eine klassische pugliesische Pastasauce auf Kapern/Tomatenbasis kochte. Zwei Songs, »The Man In Me« und »Shelter From the Storm«, blieben ihm hängen. Einerseits, weil sie in wundervollen, neuen Arrangements performt wurden. Andererseits, weil ihre Schlüsselzeilen so seltsam zusammenzupassen schienen:
Storm clouds are raging all around my door,
I think to myself I might not take it anymore.
und
I came in from the wilderness, a creature void of form.
»Come in,« she said, »I’ll give you shelter from the storm.«
Noch 32 Tage.