Dissonanz

von Max Dax

Tag zweihundertachtundsechzig

Den Tag über verbrachte er damit, den von Spiegelscherben, Staub und Spinnweben überzogenen Westflügel aufzuräumen. Kartons voller Erinnerungen trug er von einem Raum in den anderen; Kisten voller Bücher von Hölderlin, Celan und Simenon. Am frühen Abend kochte er sich dann einen Ingwertee und betrachtete aus dem Fenster das rege Treiben der dicken Schneeflocken, und wie sie den Straßenzug in nur wenigen Minuten mit einem stummen Weiß überzogen. Er öffnete das Internet und staunte nicht schlecht, als er realisierte, dass Bob Dylan vor drei Tagen seine diesjährige Tournee in Japan begonnen – und er es vergessen – hatte. Er hatte vor kurzem sogar mit dem Gedanken gespielt, im Mai nach Tokio zu fliegen, um den Fischmarkt zu fotografieren und sich die sechs Konzerte in der Zepp-Halle anzuschauen, bis ihn sein New Yorker Freund, der Architekt, mit dem er gemeinsam geflogen wäre, darauf hinwies, dass er sich im Monat geirrt hatte.

Da auf YouTube bereits alle Mitschnitte bereitstanden, hörte er zunächst in das frischeste, also das bisher dritte der insgesamt fünf Osaka-Konzerten hinein. Dass Dylan die Setlist mit »Stuck Inside of Mobile With the Memphis Blues Again« eröffnete, ließ viel hoffen. Auch, dass er in den drei Sets bisher 37 verschiedene Songs gespielt hatte, ließ darauf schließen, dass die Konzerte in Fernost sich im Laufe der Zeit zu einer spannenden Angelegenheit entwickeln dürften. Er hörte die Musik laut, während er eine klassische pugliesische Pastasauce auf Kapern/Tomatenbasis kochte. Zwei Songs, »The Man In Me« und »Shelter From the Storm«, blieben ihm hängen. Einerseits, weil sie in wundervollen, neuen Arrangements performt wurden. Andererseits, weil ihre Schlüsselzeilen so seltsam zusammenzupassen schienen:

Storm clouds are raging all around my door,
I think to myself I might not take it anymore.

und

I came in from the wilderness, a creature void of form.
»Come in,« she said, »I’ll give you shelter from the storm.«

Noch 32 Tage.

Tag zweihundertsiebenundsechzig

Was nicht ist ist möglich. Mit großer Sorgfalt inszenierte V2 Schneider ›seine‹ Wohnung, genauer gesagt: ›seine‹ Küche als Ort der Genauigkeit, oder besser: als Ort der Möglichkeit einer Genauigkeit. Er hatte die Wände in den Tagen zuvor neu gestrichen. Gemäß den Ausgrabungen, die zutage getreten waren, als er einst Schichten von Rauhfasertapeten entfernte (die geräumige Küche war ringsherum umlaufend vom Fußboden bis 1,32 m Höhe mintgrün gestrichen und oberhalb dieses Farbstreifens Weiß), hatte er sich an die Maße gehalten, aber nicht an den Farbton, er wählte das dunkelste Tiefblau, das er hatte finden können. Die Regale hatte er von allem Nippes befreit, das Fenster weit geöffnet.

Er hörte die Regentropfen, wie sie auf die Fenstersimse und auf das Dach prasselten; um sie noch besser zu hören, stellte er die Musik aus. Durch die nasse Fahrbahn war der Straßenverkehr lauter als sonst hinter den Vorderhäusern zu hören.

Versuchsaufbau: Ein großer, alter Holztisch, das Licht abgedunkelt, gekontert vom Bildschirmleuchten des Laptops; die bereits beschriebene Stille.

Ein karges Abendmahl, genauer: saftiges Kürbiskernvollkornbrot mit gesalzener Sauerrahmbutter dickstrich, ein Schälchen Pomodorini, ein kleiner Teller Kapernäpfel, eine Flasche Cirò Rosso. Er musste an Manfred Maurenbrecher denken, und wie dieser ihm einst Westberlin gezeigt hatte, und daran, dass man sich die Zeit erkämpfen muss, weil sie neben der Liebe das einzige ist, das zählt.

Ich war niemals ängstlich
Wenn es wirklich gefährlich wurde.
Ich dachte immer: Die Welt ist eine Erfindung der anderen
Und mir wird nichts geschehen.

Handstreichartig putzte er sich den Mund ab und begab sich in den Westflügel. Er wollte den just beschriebenen Moment in einer Musikkassette festhalten, deren Playlist ihm noch nicht klar war.

Noch 33 Tage.

Tag zweihundertsechsundsechzig

Er hatte seltsam geträumt von Roma, der größten Stadt Europas. Mit seinem auberginenfarbenen Alfetta war er die Circonvaliazione im Uhrzeigersinn abgefahren, einmal im Kreis, den Feinstaub des Latiums hatte er eingeatmet, bis er schließlich die Autostrada verließ und in die kaum weniger imposante sechsspurige Stichstraße einbog, die nach EUR führte. Kurz zuvor, auf der Höhe der Via Tuscolana, hatte es einen enormen Stau gegeben, von der untergehenden Sonne in wärmendes, aprikosefarbenes Licht getaucht. Der ruhende Verkehr erlaubte es V2 Schneider innezuhalten und auf die riesigen Palazzi der Vorstadt zu blicken. Acht Stockwerke hoch, eng an eng gebaut, mit durchgehenden Balkonleisten. Wie ein Meer von Häusern lag die Stadt vor ihm, im Radio lief Pino Daniele. Doch löste sich der Stau bald wieder auf, und Schneider erreichte EUR gegen Einbruch der Dunkelheit. Sternschnuppe über der Ewigen Stadt.  (Ich wünsche mir etwas, aber ich sage dir nicht, was). Er parkte den Wagen vor McDonald’s, stieg aus und wachte mit heftigen Kopf- und Gliederschmerzen auf.

Sein Frühstück bestand aus der Einnahme einer Kautablette Aspirin® Direkt (Wirkstoff: Acetylsalicylsäure, basta), einem Glas Leitungswasser und einer Tasse heißem Arabica.

Zu Fuß zum U-Bahnhof Hermannplatz.
Mit der U7 ab Hermannplatz nach Berliner Straße.
Zu Fuß in die Babelsberger Straße.
Mit der U9 ab Berliner Straße nach Osloer Straße.
Mit der U8 ab Osloer Straße nach Gesundbrunnen.
Zu Fuß zum Hotel Holiday Inn in der Hochstraße.

Mittagessen mit Cibelle Cavalli Bastos, im Wintergarten. Sie haben sich seit vier Jahren nicht gesehen. Er spricht sie mit ›Sweetheart‹ an, sie ihn mit ›Darling‹. Sie erzählt ihm, dass sie einen neuen Freund habe, einen US-Griechen mit einem unaussprechlichen Namen. Er erzählt ihr, dass er wieder festen Boden unter den Füßen habe. Sie sagt ihm, dass sie bald wieder in Berlin sein wird, im Oktober sogar um ein Haar hierher gezogen sei, doch dann habe sie sich in ihren US-Griechen mit dem unaussprechlichen Namen verliebt, und der könne leider nichts mit Berlin anfangen. Er lädt sie und ihre Entourage zum Abendessen in seine Wohnung ein, wenn sie sich das nächste Mal in Berlin aufhalten wird. Sie umarmen sich zum Abschied.

Zu Fuß zum U-Bahnhof Gesundbrunnen.
Mit der U8 ab Gesundbrunnen nach Hermannplatz.
Zu Fuß nach Hause.

Wie das klingt: ›nach Hause.‹ Wenn V2 Schneider etwas in den letzten vier Monaten gelernt hatte, dann das: Lobe den Tag, preise das Dach, das dir Schutz vor dem Sturm spendet.

Noch 34 Tage.

Tag zweihundertfünfundsechzig

Es war wieder bitterkalt geworden in Westberlin, als ob der Winter noch einmal, ein letztes Mal, seine grausame Macht demonstrieren wollte. V2 Schneider war viel zu dünn angezogen, außerdem war ihm Tags zuvor der oberste der großen schwarzen Knöpfe seines dunkelgrauen Kaschmirmantels abgefallen, der feuchte Wind und die Schneeflocken trafen mit voller Wucht seine ungeschützte Brust.

Am Morgen hatte er, im Warmen, am Telefon ein Interview zum Thema Unternehmenskultur gegeben.

Frage: »Warum kochen Sie jeden Tag für Ihre Mitarbeiter?«

Antwort: »Es spart Zeit, es spart Geld, vor allem aber sitzen die verschiedenen Gehaltsklassen einmal am Tag gemeinsam an einem Tisch. Die Zwei- oder Mehrklassengesellschaft wird für einen Moment, beim Essen, und sei es auch nur scheinbar, aufgehoben.«

Frage: »Was kochen Sie denn so?«

Antwort: »Es gibt strenge Regeln, die auf alten Traditionen fußen. Es gibt kaum Spielraum. Aber da wir immer noch eine mehr als eine halbe Tonne Nudeln hier herumstehen haben, kochen wir eigentlich jeden Tag Pasta. Und folgerichtig ergibt sich daraus der Korridor einer mediterranen Küche mit im Wesentlichen zwei Gattungen: Gebirgsküche und Seeküche. Beide Küchen bauen modular auf Geschmacksfamilien auf, die in unendlichen Varianten miteinander in Bezug stehen, aber ehernen Gesetzen unterworfen sind.«

Frage: »Wäre es nicht reizvoll, auch ein bisschen zu experimentieren, statt sich immer an die Regeln zu halten?«

Antwort: »Sie meinen: mit Edamer überbacken? Nein. Es ist nicht reizvoll, in dem Sinne zu experimentieren, wie Sie es vorschlagen. Der Reiz liegt darin, dem Bekannten das Neue abzutrotzen.«

Er schaute D. ins Gesicht. Ihre Schürfwunde an der rechten Wange war immer noch riesengroß. Sie notierte akribisch das Rezept, als er für die Mitarbeiter kochte:

Öl, rote Peperoncini, Knoblauch, Rosmarin, Lorbeer erhitzen, Tomaten und Passato dazugeben, Salz, schließlich einen Löffel braunen Rohrzucker und etwas Rotwein. Zum Schluss den in kleine Streifen geschnittenen und in einer zweiten Pfanne separat angebratenen Lammrücken hinzugeben. Schneider hatte selbstredend darauf geachtet, dass das Lamm entschlossen gewürzt und angebraten war, bevor es, quasi als Seasoning der Sauce beigegeben wurde.

Kostenbeteiligung für einen großzügigen Teller Pasta mit Ragù al agnello pro Mitarbeiter: 4,30 EUR.

Am Abend fuhr V2 Schneider mit dem Fahrrad durch die vor Kälte schockstarre Stadt, er wollte sich ein Konzert der Gruppe Festland im Monarch am Kottbusser Tor anschauen, doch er hatte sich im Datum geirrt. Er platzte in eine verrauchte politische Veranstaltung der Wochenzeitung Jungle World hinein, in der über die Zukunft des Mittleren Ostens diskutiert wurde.

Seltener Moment gewonnener Zeit. Er rief die Prinzessin von Sizilien an, gemeinsam tranken sie ein Bier, wobei sie ihm erzählte, dass in Rom zwanzig Zentimeter Neuschnee gefallen seien.

Noch 35 Tage.

Tag zweihundertvierundsechzig

D.s Wunde sah imposant aus: Sie hatte die Pflaster entfernt, bei Tageslicht wirkte das abgeschürfte Stück Haut riesig, auch wegen der tiefroten Farbe der Wunde, immerhin war die Schwellung am Wangenknochen zurückgegangen, dafür war ihre linke Hand verstaucht.

Um 21:00 Uhr war V2 Schneider mit Uwe Jaentsch im Themroc verabredet, wo dieser ihm einen Stapel Einladungskarten für seine kommende Ausstellung am Samstag, den 26. März in der Galerie Cruise & Callas in die Hand drückte. Der Titel der Ausstellung lautete

GELD SPIELT KEINE ROLLE

Auf der Einladung war Adolf Hitler zu sehen, wie er in tadellosem Ausgehrock, grünem Filzhut mit Feder sowie einem Wanderstock durch eine verschneite, vermutlich österreichische Winterlandschaft stapft.

Um 21:30 Uhr stößt Peter Cadera zu der Runde hinzu. Die drei essen ein Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat im vollbesetzten Gastsaal und rauchen Zigaretten im Weinkeller des Restaurants. Als sie nach einer halben Stunde wieder auftauchen, ist das Restaurant menschenleer. Nur der Koch A. und die Kellnerin L. sitzen am Tresen und rauchen.

Nach zwei Partien Scopa steht es 1:1 zwischen Cadera und Schneider. Als Ort für das Entscheidungsspiel wird Bad Doberan an der Ostsee festgelegt, und zwar zum Zeitpunkt der Doberaner Pferderenntage vom 19.-22. August.

Noch 36 Tage.

Tag zweihundertdreiundsechzig

Um Punkt 18:45 Uhr setzte sich D. wieder neben V2 Schneider an den Schreibtisch und legte ihm die Packung Marlboro auf den Schreibtisch, um diesen Gefallen hatte er sie gebeten, und sie war mit dem Fahrrad zum nahegelegenen Supermarkt gefahren, um eine zu kaufen.

- Sehe ich schlimm aus?

Blut rann ihr von einem Cut über der linken Augenbraue die Schläfe hinunter, ihr linker Wangenknochen war angeschwollen, eine riesige Schürfwunde unterhalb des unversehrt gebliebenen Auges.

Reihenfolge und Art der Hilfeleistungen:

1. Eine Zigarette wurde angeboten, angenommen und angezündet
2. Mehrere Fotos wurden gemacht, sowohl mit dem BlackBerry, als auch mit der Lumix-12-Megapixel
3. Ein Glas Grüner Veltliner wurde angeboten, angenommen und getrunken
4. Die Schürfwunde und der Cut wurden desinfiziert
5. Das Angebot, sie in die Charité zu begleiten, wurde abgelehnt
6. Eine Umarmung

Danach trennten sich ihre Wege.

Der Geliebte Sekretär der Gemarkung Bern, Absolvent der Hamburger Kolonialschule, war beeindruckt ob des Ausbleibens jeglicher Reaktionen von D., die möglicherweise unter Schock stand. Mit dem Taxi fuhren die beiden in eine kleine Straße in der Nähe des Ostkreuzes, wo die Stadt an Warschau erinnerte. Abendessen bei Henning Straßburger, Absolvent der Oehlen-Klasse in Düsseldorf und Mitglied der Malergruppe VANDEL. V2 Schneider und der Geliebte Sekretär wurden in ein winziges, feuchtwarmes Esszimmer geführt, das irritierend eingerichtet war: Laminatfußboden, Karibikstrandidylle als Postertapete auf Rauhfaser, Glastisch mit eloxiertem, grauem Stahlunterbau, unbequeme graue Stahlsitze mit PVC-Sitzkissen, ein Billig-Fernseher auf einem TV-Element mit Rollen; der Esstisch war dekoriert mit einer langen Borte aus Makramee und Ziermuscheln, gegessen wurde von achteckigen schwarzen Tellern und getrunken wurde aus Weingläsern der Marke Leonardo. Insbesondere V2 Schneider war höchst verunsichert, doch dann bemerkte er die Bilder an den Wänden, die mitunter über die Postertapete gehängt worden waren: Kleinformate von Patrick Alt, Albert Oehlen, Daniel Richter und Jonathan Meese. Er war in einer Rauminstallation gelandet. Nachdem ihm dies klargeworden war, schmeckten ihm der deftige Bohneneintopf, den Straßberger gekocht hatte, sowie das servierte Bier und der Champagner doppelt so gut.

Im Nebenzimmer lief Musik der Beach Boys, sie wurde auf Wunsch der Gäste abgeschaltet.

Noch 37 Tage.

Tag zweihundertzweiundsechzig

Als er frühmorgens die Wohnung aufräumte, fiel der riesige Bücherstapel im Flur um. Beim Neuschichten fielen ihm die »Notizbücher 1960-1971«, Band #1 und #2 von Peter Weiss, Edition Suhrkamp, Erstausgabe 1982, in die Hände. Er schlug wahllos eine Seite auf:

»Völlig bedeutungslos alles, was du für den ›Erfolg‹ tust – deshalb bleiben lassen. Nur tun, was der Arbeit dient.«

Und so tat er, was der Arbeit diente, aber zunächst einmal brühte er sich mit seiner winzigen Ein-Tassen-Caffettiera, die er sich einst auf dem Markt von Montesanto in Neapel in dem kleinen Haushaltswarenladen, gleich auf der rechten Seite, wenn man von der Via Toledo kommt, gekauft hatte, einen Arabica auf. In den Jahren, die seitdem vergangen waren, schmolz eines Tages der Griff, und auch das Gummi war mehrfach ausgetauscht worden. Aber von allen Espressokannen war diese ihm die Treueste geblieben, und er ihr.

Einige Hundert Telefonate, Emails und Flurgespräche später verließ er das Büro am Abend in Richtung des Metro-Großmarktes direkt gegenüber dem Berghain. Hier war er mit dem Geliebten Sekretär der Gemarkung Bern verabredet, um keine Sekunde zu verlieren. Sie kauften:

3 kg Basmatireis, Bio
750 g Steinofenbaguette
7,45 kg Schwertfischfilet, Xiphias Gladius, gefangen in: Indischer Ozean
0,75 Cremant D’Alsace Metz
0,75 Chardonnay François Dula
12 x 0,75 Cirò Librandi Rosso
12 x 0,75 Cirò Librandi Bianco
250 Servietten, 40cm3lg, Weiß
3 Pckg King Prawns 21/30
120 g Minze
2 kg Zitronen, Bio
100 g Zitronengras
423 g Ingwer, Bio
1 kg Cashewkerne Natur, Bio
240 g Knoblauch solo
80 g Chili rot
1 Pckg Marlboro

Das Produkt wurde in keiner Zeit zu drei Gängen verarbeitet, in der Quantität ausreichend für bis zu zwanzig hungrige Gäste:

1. Carpaccio di Pesce Spada al’ Limone
2. Gamberetti alla Griglia
3. Pesce Spada alla Menta

Offiziell erklärte V2 Schneider seine Odyssee durch Berlin in einer kleinen Rede, die er an den versammelten engsten Freundeskreis richtete, für beendet.

PS: Von seiner langjährigen Freundin M.Z. bekam er ein Buch überreicht, das sie selbst verfasst hatte. In diesem verengte sie Romane der Weltliteratur zu Haiku-artigen Miniaturen. V2 Schneider schlug den Band auf und las: »Bevor er am Ende der Reise von Bord ging, schlüpfte er ein letztes Mal in ein wiederum völlig anderes Kostüm.«

Noch 38 Tage.

Tag zweihundertachtundfünfzig

Wenn man von ›Momenten‹ in Zusammenhang von ›gesellschaftlichen Ereignissen‹ spricht, so gibt es ›den Berlinale-Moment‹, ›den Maerz-Musik-Moment‹ oder eben auch ›den Echo-Moment‹. Im Jahr zuvor, daran erinnerte er sich noch, hatte sich V2 Schneider im Rahmen der Echo-After-Show-Party im Postbahnhof brav am Biertresen angestellt, um für seinen geliebten Verleger und seinen geliebten Chef vom Dienst je ein Bier zu bestellen. Als er schließlich an die Reihe kam, drängelte sich eine extrovertiert gekleidete und mit viel Haare-und-Make-Up aufgepumpte Frau vor und schrie in Richtung Wirt: »Ich bin Sandra, fünf Bier!« Und tatsächlich: Es war Sandra, ›die‹ Sandra. V2 Schneider, das erinnerte er genau, fühlte sich weder geehrt noch herabgestuft, er guckte dem Treiben Sandras einfach fasziniert zu.

Einen solchen ›Moment‹ gab es auf der diesjährigen Echo-Verleihung in den nach Grillfleisch und Spanferkel duftenden Saalfluchten des Palais am Funkturm am Berliner Westend nicht, zumindest nicht für Schneider. Zwar hielt er sich eine Weile gemeinsam mit Andrew Fletcher und Daniel Miller sowie Leslie Mandoki von der Band Dschingis Khan in der EMI-Lounge auf, aber es passierte: rein gar nichts.

So verließ er das Zentrum des Bösen zeitig, etwa gegen 2:00 Uhr in der Frühe, und ließ sich von einem Taxi nach Wilmersdorf in die leerstehende Wohnung seines Vaters in der Uhlandstraße chauffieren. Dort angekommen, zweckentfremdete er die dort aufgestellten Avid-Schnittplätze, um heimlich einen heterosexuell-pornografischen Werbeclip einer ungarischen Modemarke neu zu cutten. Als er den Endschnitt begutachtete, fragte er sich, weshalb es in der Pornografie jemals den Ansatz der Narration gegeben hat, wo diese doch das letzte ist, was das Genre benötigt.

Noch 42 Tage.

Tag zweihundertvierundfünfzig

Das von Joseph Kosuth handsignierte und somit zu einem Multiple umfunktionierte Plakat in einer Auflage von 15 (V2 Schneider bekam die 9 of 15 zum Wiedereinzug in seine Wohnung geschenkt) war mit einem Text versehen:

Kein Ding, Kein Ich, Keine Form, Kein Grundsatz (Sind Sicher)

Er ahnt: diese Ordnung ist nicht so fest, wie sie sich gibt; kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher, alles ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen, im Unfesten liegt mehr von der Zukunft als im Festen, und die Gegenwart ist nichts als eine Hypothese, über die man noch nicht hinausgekommen ist. (Robert Musil)

Darunter ein schwarz-weißes Foto des Arbeitszimmers von Robert Musil in der Genfer Pouponnière, es zeigt einen gefliesten, weiß gestrichenen Raum mit einem schlichten Holztisch, auf dem Blätter und Notizen ausgebreitet liegen. Zwei Holzstühle, im Hintergrund eine Tür.

Signiert: Joseph Kosuth, im Juli 1992

Den ersten Tag in der zurückeroberten/zurückgewonnenen Mitte beging V2 Schneider mit Uwe Jaentsch und Costanza Lanza di Scalea, der Prinzessin von Sizilien, die ihrerseits an diesem Tag das, was man klassischerweise einen Hochzeitstag nennt, begingen, obwohl sie sich einst in einem Schaltjahr begegneten. So stand dieser 28. Februar sowohl für den Beginn einer neuen Zeitrechnung – wie auch für die Kontinuität einer Zeitlinie.

V2 Schneider hatte keine Lust zu kochen. Er stellte der vorzüglichen blaublütigen Köchin alles Zueinanderpassende, was er im Kühlschrank und an Konserven finden konnte, auf die Arbeitsfläche aus Stahl: Kapern, Tomaten, Knoblauch, Peperonicino, Lorbeer, Rosmarin, Pinienkerne, Olivenöl, Pasta von De Cecco.

Eisgekühltes Berliner Pilsener, Musik von Gil Scott-Heron, Miles Davis und Robert Johnson.

Noch 46 Tage.

Tag zweihundertzweiundfünfzig

Sehnsuchtsort Stadt. V2 Schneider wachte früh morgens im Hotel Jedermann im Münchener Bahnhofsviertel auf und begab sich in den Speisesaal, wo er vom interkontinentalen Frühstücksbrunch genau einen Croissant nahm und sich bei der vietnamesischen Kellnerin eine Kanne heißen Filterkaffees bestellte. Unsichtbare Strahlung. Am Nebentisch polterte ein großer, etwa sechzigjähriger Mann lautstark und mit fränkischem Akzent gegenüber einem wohl gleichaltrigen, ebenfalls am Tisch sitzenden Pärchen, dass der Winter dieses Mal härter gewesen sei als in den Vorjahren, und dass München zunehmend schmutziger werde, außerdem diese spätrömische Dekadenz!

Schneider blätterte sich durch den Fußballteil und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und ertappte sich, wie er einen Satz von Tobias Lehmkuhl, der einen Satz von Theodor W. Adorno drehte und wendete, aufmerksam las: Adorno hatte in der ursprünglichen Fassung von »Minima Moralia« nicht »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« geschrieben, sondern »Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben.« Lehmkuhl schreibt: »Adorno setzte also um der Wirkung willen ›richtig‹ an Stelle von ›privat‹, an der Sache aber ändert es nicht grundsätzlich etwas. Im Gegenteil, man kann aus heutiger Perspektive sogar sagen, dass Mittelmeiers Fund (des Originalzitats) den Satz nur noch näher an den Refrain von der Unmöglichkeit des Gedichts nach Auschwitz rückt. Nach Auschwitz ist eben auch die behagliche Sesselruhe dahin, in der ein Gedicht, das Auschwitz nicht eingedenk wäre, entstehen könnte.«

V2 Schneider trank seinen Kaffee aus, bezahlte die Hotelrechnung und trat hinaus in die irritierend-warmfeuchte Winterluft. Zwei Straßen weiter, in einem Hinterhof: Die unfassbar schön eingerichteten Räume des Büros 03 ARCH, einer Gruppe von drei Architekten und Städtebauern, die jeden sich ihnen bietenden Wettbewerb und Auftrag nutzen, um Kerben in der Stadt zu heilen, indem sie urbanen Raum neu ordnen. Sie setzten sich an einen langen, weißen Konferenztisch, der aus zwei Eiermann-Elementen mit extradicken Tischplatten zusammengesetzt war. Mineralwasser aus Sektgläsern. Alle drei Architekten machten sich, als ob sie sich im Laufe der Jahre in ihren Angewohnheiten angenähert hätten, während des Gesprächs Notizen auf Skizzenpapier von der Rolle, wobei die Papierrolle plan gerade so weit auf dem Tisch ausgerollt lag, dass etwa eine Fläche Papier im Format DIN-A3 zum Vorschein kam. Hatte einer von ihnen die Fläche vollgeschrieben, rollte er einfach die Rolle ein wenig nach links, und neuer Raum wurde in gleißendem Weiß freigelegt. Eine Wand ihres Büros hatten die Architekten mit einer Stahlplatte verkleidet, die anschließend weiß gestrichen worden war, so dass sie auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche, verputzte Steinwand aussah. Mit kleinen silberfarbenen Magneten waren allerlei farbfotokopierte Notizen an der Stahlwand festgemacht: Bilder von Häusern, ein Gedicht von Borges, Reproduktionen von Gemälden Ed Ruschas.

Er machte daraufhin einen Abstecher ins Haus der Kunst, wo er sich die große Ruscha-Retrospektive »Fifty Years of Painting« anschaute. V2 Schneider erinnerte sich an das Telefongespräch mit dem Maler, als er vor kurzem eine Woche in Hamburg weilte. Sich verändernde Städte, erfundene Städte, verformte Städte. Ed Ruscha: »Dass sich L.A. für eine Neuerfindung geradezu anbietet, liegt indes auf der Hand: Die Stadt ist Projektionsfläche wie vielleicht sonst nur New York oder Paris. Ich liebe keine Straße so sehr wie den Sunset Boulevard. Meine Traumvorstellung von dieser Straße ist gigantisch – und melancholisch. Die Stadt ist so unwirklich, dass man sie eigentlich nur unwirklich wiedergeben oder neuerfinden kann.«

Mit dem Taxi zum Münchener Hauptbahnhof, mit dem ICE Simon Srebnik nach Berlin.

Noch 48 Tage.