Tag einhundertdreiunddreißig

COMMENT IS FREE. Massive Attack spielen im Tempodrom. Auf der hinter der Bühne aufgebauten, hochimposanten LED-Wand flackern Sprüche auf, die an Jenny Holzer Truisms erinnern, aber tatsächlich von prominenten Bürgerrechtlern stammen, oder aber per RSS-Feed aus den Newstickern der Nachrichtenagenturen in die täglich neu programmierte LED-Wand gefüttert werden. DIE REGIERUNG WIRD ZUGRIFF AUF ALLE TELEFONGESPRÄCHE UND E-MAILS HABEN. Anders als in vorangegangenen Jahren spulen Massive Attack nicht ihr Programm einfach ab. Viel Arbeit wurde in Neuarrangements gesteckt. Ein Song wie »Safe From Harm«, immerhin neben Test Departments »Faces of Freedom, Pt. 2« ein SchlüsselerlebnisV2 Schneiders in Bezug auf sein Verständnis von Tanzmusik, begann ganz so, wie man ihn kannte. Doch kippte er überraschend, nachdem alles gesagt und gesungen worden war, in ein elektronisches Soundscape, bedrohlich und dunkel. Die Menschen im Tempodrom dachten, dass nun ein neuer Song gespielt wird, doch weit gefehlt, setzte Billy Cobhams berühmter Beat doch bald wieder ein, nur dasss die darke Stimmung blieb. Der letzte Satz, der sich den Besuchern in die Netzhaut brennt, lautet: DER UNSCHULDIGE HAT NICHTS ZU BEFÜRCHTEN.

Stunden vorher hatten Robert Del Naja, Mark Stewart und V2 Schneider in der mit Champagner, Gin, Bourbon, Bier und Rotwein vollgestellten Garderobe ein Gespräch aufgezeichnet.

V2 Schneider: »Was genau war der Grund deiner Reise in den Gaza-Streifen?«

Del Naja: »Ich bin dann doch nicht gefahren, habe die ganze Chose abgesagt.«

V2 Schneider: »Aber du wolltest doch mit Banksy nach Gaza fahren.«

Del Naja: »Ja, aber Banksy macht seine Bilder anonym. Wenn ich Tags mache, dann hat das gleich Nachrichtenwert: ›Rockstar sprayt in Gaza.‹ Meine Freundin meinte, das ist ein nicht aufzulösender Widerspruch. Ich würde mich lächerlich machen, sagte sie, und ich fürchte, dass sie Recht behalten hätte. I would have looked like a cunt.«

Mark Stewart: »You don’t look like a cunt.«

Stunden später stand V2 Schneider in den verwinkelten Katakomben des Clubs St. Georg in der Berliner Ritterstraße und legte Schallplatten auf. Um vier Uhr spielte er die erste Platte, es war Lamé Golds »Helter Skelter«, gefolgt von Alan Vegas Kollaboration mit Pan Sonic, »Medal«, beide Stücke auf niedriger Umdrehung. Auch das anschließende hypnotische »Men Machine« von Kraftwerk sowie das abgebremste »I Cast a Lonesome Shadow« von Martin L. Gore waren nicht das Problem. Selbst »1/2 Mensch« von den Einstürzenden Neubauten und »Shivers« von Alec Empire kamen über die Anlage super. Das Problem war vielmehr, dass V2 Schneider um 4:30 Uhr implodierte, als er realisierte, dass zwar viele Tanzende im Saal waren, er aber für keinen von ihnen spielte. Sein Blick ging ins Leere. Wieder und wieder flippte er durch seine Plattenkiste, sah jedoch durch die Platten hindurch und spielte schließlich, als »Shivers« sich dem Ende näherte, das »Requiem« von Mozart, mischte etwas »Unglaublicher Lärm« von den Einstürzenden Neubauten hinein – und verlor die Spur. Billie Holidays »I Cover the Waterfront« brachte etwas Wärme ins Spiel, bäumte sich gewissermaßen gegen den Untergang auf, aber Schneider hatte sich seinem Schicksal ergeben. Dass sich der Saal längst geleert hatte, kümmerte ihn nicht, stattdessen spielte er »A New Jerusalem« von Mark Hollis, woraufhin ihm ein befreundeter Juwelier aus Hamburg ein Glas Vodka in die Hand drückte. »Stella by Barlight« von John Lurie, eine fast bis zum Stillstand abgebremste Meditation für Cello und Streicher, und Schneider musste an den schönen Gehrock von Robert Del Naja denken, den dieser während des Gesprächs getragen hatte. Als der Ofen aus war, spielte er schließlich Martin Kippenbergers »Yuppi-Du«. Fluchtartig verließ er den Ort des Scheiterns.

Im tiefen Schnee sieht
Der Weg, den ich kam, dem hier
Doch völlig ähnlich.

(Kusadao)

Noch 47 Tage.