Tag einhundertvierunddreißig

Gegen 22:00 Uhr klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ein hörbar aufgebrachter Claude Lanzmann. Vor fünf Tagen hätte im Kino B-Movie in Hamburg St. Pauli sein Film »Pourquoi Israël« in der Abendvorstellung gezeigt werden sollen. Eine etwa 30-köpfige linke Agitprop-Gruppe mit dem Namen B5 habe erfolgreich das Screening des Films verhindert. Die etwa siebzig Kinobesucher seien bepöbelt, als »Schweinejuden« beschimpft und teilweise geschlagen worden. Alle Besucher seien gefilmt und fotografiert worden. Das Schockierende und Unbegreifliche für ihn sei der Umstand gewesen, dass es eine deutsche, linke Gruppierung und keine Neonazis gewesen seien, welche die Veranstaltung gesprengt hätten. Claude Lanzmanns Stimme zittert vor Zorn, als er seinen Bericht mit dem Hinweis abschließt, dass sich die Kinobetreiber gezwungen gesehen hätten, den Film nach den Vorfällen abzusetzen, da sie für die körperliche Unversehrtheit der Besucher nicht hätten garantieren können.

In seinem 1972 gedrehten, dreistündigen Debüt als Filmregisseur setzt sich Claude Lanzmann mit der Frage auseinander, ob es so etwas wie eine jüdische Normalität in einem jüdischen Staat geben kann, oder ob nicht die Anormalität eines jüdischen Staates jedes normale Leben ad absurdum führt, so legitim der Wunsch nach Normalität auch sein mag. Lanzmann sei, das betont er am Telefon, ein assimilierter, das europäische Leben gewohnter Jude gewesen, dem die jüdische Religion und Tradition weitgehend fremd gewesen seien. Erst der Antisemitismus habe ihn zum Juden gemacht, nicht sein Jüdischsein. Im Zweiten Weltkrieg schloss sich Lanzmann der Resistance an, überlebte den Krieg und entging im Untergrund der Deportation. Nach Kriegsende studierte Lanzmann Philosophie in Berlin und begann gemeinsam mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, mit der er eine lange Liebesbeziehung hatte, in Paris die linke Zeitschrift »Les temps modernes« zu veröffentlichen, deren Herausgeber er heute ist. »Pourquoi Israël« sei, nachdem er ein Buch über das gleiche Thema erfolglos zu schreiben begonnen hatte, sein Versuch gewesen, als dem Judentum entfremdeter Europäer den Staat Israel zu begreifen, der als Fluchtort für alle Juden gelten soll, gleichzeitig als ›normaler‹ Staat mit ›normalen‹ politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert ist. Das Problem Israels sei, dass der Staat zwar über ein Territorium verfüge, aber weder über die Religion, noch über die identitätsstiftende Erfahrung von Auschwitz sein Fortbestehen sichern kann. Lanzmann inszeniert in seinem Film Mehrstimmigkeit, indem er viele Einwohner unterschiedlichster Berufe zu Wort kommen lässt, er bildet die Heterogenität dessen ab, was Leben in Israel bedeutet. Er schafft es, dass die Dissonanzen dieser Vielstimmigkeit zum Schluss ein geschlossenes Bild ergeben.

Vielfach ist »Pourquoi Israël« als ›wichtigster Film über Israel‹ bezeichnet worden. Seine Montagetechnik – Lanzmann filmt Gespräche, die er mit seinen Protagonisten führt, er zeigt kein Archivmaterial und untermalt seine Bilder nicht mit Musik – wurde zur Blaupause für seinen anschließendes Mammutprojekt »Shoah«.

Als V2 Schneider den Telefonhörer auflegte, fühlte er sich leer und einsam. Er kannte das Kino, er hatte in der Bar des B-Movie einst atonale und konkrete Musik von Asmus Tietchens, Pierre Henry oder Pierre Schaeffer aufgelegt.

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