Tag einhundertfünfzig

Um 4:30 Uhr klingelte leise der Wecker seines Funktelefons, V2 Schneider wachte aus einem traumlosen, leichten Schlaf auf, schlich, um niemanden zu wecken, aus dem Schlafzimmer, und setzte sich in die Küche, wo er sich einen Kaffee aufbrühte. Um 5:05 Uhr verließ er die Wohnung. Mit dem Taxi, einem Wagen der E-Klasse, fuhr er, mit einem Zwischenstopp bei einem Geldautomaten der Deutschen Bank, nach TXL. Check-in, Security, schließlich ein Kaffee im Lufthansa-Terminal, wo Schneider, der keinen Fernseher besaß, stumm und sicherlich auch ergriffen die Wiederholung der Gedenkfeier für den Nationaltorwart mit dem schönen Gesicht verfolgte. Boarding um 6:35 Uhr. Ohne Verspätung hob Flug LH4310 um 7:05 Uhr in TXL ab und landete, einen traumlosen, leichten Schlaf später, um 8:50 Uhr in Paris CDG, dem schönsten Flughafen der Welt. Hier traf Schneider um 9:20 Uhr am Ausgang 10 auf H., mit dem er einst, vor 14 Jahren, als Mitglied des Deutschen Widerstands im Untergrund gegen die Faschisten gekämpft hatte. Eine kurze, feste Umarmung, dann stiegen sie in ein Taxi der C-Klasse und ließen sich in die Avenue Montaigne chauffieren, wo sie um 10:30 Uhr mit Jean-Michel Jarre verabredet waren. Jarre war Schüler von Pierre Schaeffer, dem Begründer der Musique Concréte und Bewunderer Karlheinz Stockhausens. Seine Mutter France hatte Jean-Michel einst zur Musik und zur Kunst geführt, sie leitete nach dem Krieg einen Jazzclub auf dem Rive Gauche, in welchem Archie Shepp, John Coltrane und Don Cherry, aber nicht Miles Davis regelmäßig aufgetreten waren. France war im Zweiten Weltkrieg Kämpferin der Résistance in Lyon gewesen, von Vichy-Verrätern kurz vor Kriegsende gefangen genommen und nach Ravensbrück deportiert worden. Die Rosinenschnecken, die Jean-Michel Jarre H. und V2 zum Kaffee servieren lässt, sind atemberaubend: Außen knuspert der hauchdünne Blätterteig beim genussvollen Hineinbeißen in winzigste Krümel, innen sind die Rosinen bissfest und im Geschmack nicht dominant.

»France war im Zug mit Dutzenden von anderen Frauen eingepfercht«, berichtet Jarre über die Leidensgeschichte seiner Mutter, »am zweiten Tag der Deportation geriet der Todeszug bei einem Halt an einem Bahnhof in einen Bombenangriff der Alliierten. Die SS-Männer brachten sich in Sicherheit und überließen den Zug seinem Schicksal. Zwar wurde der Zug nicht getroffen, doch schrien die gefangenen Frauen sich ihre Angst aus dem Leib. Es gab jedoch nur ein winziges Fenster in dem Viehwagen, durch welches frische Atemluft hinein gelangte. France redete auf die anderen Frauen ein, das Schreien sein zu lassen, sich hinzusetzen, den Atem flach zu halten und auszuharren. Sie und die meisten anderen Insassen des Waggons überlebten, während ungezählte andere in der gleichen fürchterlichen Nacht jämmerlich erstickten.«

Am Nachmittag, nachdem sie zuvor zu zweit im Le Chartier in der Rue Faubourg Montmarte Escargots, Celeri Remoulade, Steak Frites und Cuvée Chartier geteilt hatten, nahmen H. und V2 Schneider ein Taxi nach Denfert-Rochereau, zum Stadtbüro Claude Lanzmanns.

Frage: »Erinnern Sie sich an Übergriffe, an gesprengte Kinovorführungen Ihrer Filme vor dem Vorfall in Hamburg am 25. Oktober?«

Antwort: »Nein. Es gab keine. Einmal gab es eine Rauchbombe in einem Kino, als mein Film ›Tsahal‹ aufgeführt werden sollte. Aber sonst gab es nie Zwischenfälle.«

Frage: »Das heißt, der Vorfall, zumal von Linken begangen, ist ein Novum?«

Antwort: »Ja, ein Novum. Aber was mich am meisten schockiert hat, war die Gleichgültigkeit der deutschen Presse, die schlichtweg nicht über diesen antisemitischen Vorfall berichtet hat. Deshalb habe ich Sie ja auch kürzlich angerufen – damit etwas geschieht.«

Beim anschließenden Abendessen in einem hochbourgeoisen Fischrestaurant im Süden der Stadt wurde V2 Schneider von Claude Lanzmann dem künftigen Präsidenten der Republik Frankreich vorgestellt.

Taxi nach Stalingrad.

Noch 30 Tage.