Tag zweihundertachtundzwanzig

Die Taz publiziert heute ein fantastisches Foto von Max Dax, geschossen von Odile Hain, auf ihrer Medienseite. Das Foto ist erstens deshalb gut, weil die Frisur stimmt. Zweitens ist es ein erzählendes Bild, geschossen wurde es im Zuge der Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus am 18. Januar im Uebel & Gefährlich. Aus der Froschperspektive aufgenommen, sieht man einen isolierten Menschen, dessen Blick ins Leere geht, ein flacher Tisch mit mehreren darauf abgestellten Mineralwasserflaschen verdeckt Kinn und Mund, der Rest des Kopfes hingegen ist zu sehen. Die Bildunterschrift ist fast noch besser als das Bild: »Einsame Entscheidung oder genialer Einfall?«

Was V2 Schneider an dem von Lukas Dubro verfassten Stück so erfreute, ist leicht zu erklären: Der Autor hat sich das Pop-Briefing genau durchgelesen und das Potenzial dieser neuen Textform durchschaut. Er schreibt: »Der gedruckte Musikjournalismus macht momentan eine harte Zeit durch. Das sieht auch Max Dax, Chefredakteur der Spex, so und beschloss gemeinsam mit seiner Redaktion einen radikalen Schritt: die Verbannung der klassischen Plattenkritik. An ihre Stelle setzt die Redaktion seit der Januar/Februar-Ausgabe das sogenannte ›Pop-Briefing‹. Dort werden zwar immer noch Alben besprochen, aber das gleich von drei bis vier AutorInnen. Im redaktionseigenen Intranet werkeln diese in einem Zeitraum von sechzig Tagen an den Besprechungen, können immer sehen, was der andere macht, sich gegenseitig korrigieren und aufeinander Bezug nehmen. Für Max Dax ist klar, dass die Spex ›die Musikkritik damit auf eine ganz andere Ebene bringt.‹

Das sei auch dringend nötig gewesen. ›Ich persönlich lese keine Plattenkritiken mehr‹, sagt Dax. Zu spät, zu subjektiv. Es bedurfte eines Formats, das robust genug ist, sich der monatlichen Musikveröffentlichungsschwemme und der Geschwindigkeit des Internets zu widersetzen. Der Vorteil des Pop-Briefings liege darin, dass es drei bis vier Einstiege ermögliche. Man sei nicht mehr an die Meinung einzelner AutorInnen gebunden, sondern finde gleich mehrere Argumente für oder gegen ein Album. ›Das kann das Internet so nicht bieten‹, sagt Dax, auch wenn fraglich ist, wie lange die Spex dieses Alleinstellungsmerkmal haben wird.

Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen ergänzt in der FAZ, der wichtigste Gewinn sei der, dass endlich wieder eine ›schroffe Ablehnung des ganzen Scheiß‹ im Print lesbar wird. Derzeit ist es gang und gäbe, dass AutorInnen sich auf ihre Lieblingsbands stürzen, entsprechend liest man kaum noch kritisch über Musik. […] Das Konzept lautet also Diskurs, Tiefe und Kontextualisierung, um die Schnelligkeit des Internets auszukontern. Zwar schlägt auch Diedrich Diederichsen in diese Kerbe, fordert aber statt einer Vielstimmigkeit à la Spex, die das Internet sowieso schon böte, eine ›qualifizierte Langsamkeit‹. Lange Rezensionen sollten verfasst werden, die sich von dem Erscheinungsdatum einer Platte losmachten. Nur sie könnten wirklich leisten, was die Spex will: das Ausdiskutieren und Aushalten mehrerer Argumente und Positionen.«

V2 Schneider las den Text in der Nacht, in der S-Bahn von A nach B, und musste lächeln. Er wusste ja, dass er Recht behalten würde.

Noch zwölf Tage.