Tag zweihundertneunundzwanzig
Am Telefon wurde V2 Schneider am späten Nachmittag von seinem Freund F. eindringlich gewarnt, ›dieser Dame‹ zu nahe zu treten, jeder Annäherungsversuch würde voraussagbar in einer Katastrophe enden, das sei so gut wie sicher. Vier Stunden später betrat Schneider das Themroc zu nächtlicher Stunde und wurde von einem Mitarbeiter sogleich in das abhörsichere Besprechungszimmer im Keller geleitet, übrigens der Raum, in welchem sich auch das imposante Weinlager des situationistischen Restaurants befindet. Aus einem der Kartons entnahm Alireza eine Flasche Grünen Veltliner von einer so hervorragenden Qualität, dass V2 Schneider die Tränen kamen.
Alireza war indes nicht allein. Ihm gegenüber saß A., eine attraktive Regisseurin, die ihre Zigaretten mit großer Eleganz wegrauchte. Das Essen wurde V2 Schneider eigens in den Keller serviert. Eine Kürbiscremesuppe, ein Kalbsgulasch, ein Birnen-Schokoladenkuchen, ja sogar eine Packung Marlboro wurde ihm gereicht.
Je mehr wir die Zeit zu fassen versuchen, je mehr Anstrengungen wir unternehmen, dass sie uns nicht verrinnt, vergeht sie doch umso schneller. René Viénet, ein Mitglied der Situationistischen Internationale und somit einer der Paten des Themroc, prägte im Zusammenhang mit der Pariser Studentenrevolte und der Besetzung der Sorbonne im Jahr 1968 den Satz: »Die kapitalisierte Zeit stand still. Ohne Zug, ohne Metro, ohne Auto, ohne Arbeit holten die Streikenden die Zeit nach, die sie auf so triste Weise in den Fabriken, auf den Straßen, vor dem Fernseher verloren hatten. Man bummelte herum, man träumte, man lernte zu leben.«
Noch elf Tage.