Tag zweihunderteinunddreißig
Aufgewacht in der Großen Hamburger Straße. V2 Schneider hatte sich einen Arabica gekocht und blickte schweigend aus dem Fenster im zweiten Stock auf die die jüdische Schule sowie die riesige Freifläche, auf der einst der alte jüdische Friedhof untergebracht war, und auf die beklemmende Deportations-Skulptur von Will Lammert. Das Areal ist heute von einem riesigen Zaun umgeben und wirkt wie eine Festung. Die Schule und ein angrenzendes jüdisches Altersheim waren 1942 zu einem »Judenlager« der Gestapo umfunktioniert worden, in ein Gefängnis mit Gittern und Scheinwerfern. Von dem innerstädtischen Lager aus wurden mehr als 55.000 Juden in die Vernichtungslager des Ostens deportiert, der Friedhof wurde 1943 von der SS zerstört, die Gebeine der Toten geschändet.
Mit der Fernbedienung klickte sich Schneider bis zu dem Track »Mademoiselle Mabry (Miss Mabry)« von Miles Davis’ 1969 veröffentlichtem Album »Filles de Kilimanjaro« vor und hörte die ruhige, eine neue Zeit vorausahnende Musik in einiger Lautstärke.
Die Pizza Margherita mit Edamerbelag, die er in einem von Pakistani geführten italienischen Restaurant in der Dorotheenstraße zum Mittagessen serviert bekam, ließ er unangetastet zurückgehen.
Bei Dussmann kaufte V2 Schneider aus einer Laune heraus:
1. Eine DVD »L’Avventura« von Michelangelo Antonioni (17,99 Euro)
2. Eine CD »The Sidewinder« von Morgan Lee (6,99 Euro)
3. Eine CD »Hub-Tones« von Freddie Hubbard (6,99 Euro)
4. Eine DVD »Das Dschungelbuch« von Walt Disney (19,99 Euro)
5. Eine wundervoll illustrierte Ausgabe von Kenneth Grahames »Der Wind in den Weiden« (22,90 Euro), da in diesem Buch der Dachs bekanntlich eine Hauptrolle spielt.
Am frühen Abend besiegt der FC St. Pauli den KSC mit 2:1 und erobert zumindest zeitweilig die Tabellenspitze.
Noch neun Tage.