Tag zweihundertdreiunddreißig
In den langen Flur seiner weißgestrichenen, lichtdurchfluteten Wohnung, die er trotz seines nomadischen Lebens gelegentlich am Wochenende betrat, hängte V2 Schneider fünf übermalte Druckgrafiken der befreundeten Künstlerin R., die er kürzlich – und er erwarb selten Kunst – gekauft hatte. Die hochformatigen Arbeiten im Maß 20×30 cm wiesen als Kernelement dreizeilige Buchstaben/Ziffernreihungen in hoher Punktgröße aus und waren auf das imposante, an Bauhaus-Design erinnernde, elfenbeinfarbene Briefpapier eines Berliner Grafikers gedruckt. Schließlich waren die Drucke mit Kreiden, Aquarelltechnik, Gouache oder Bleistiften übermalt worden, teilweise verdeckten Schraffuren die Buchstaben/Ziffernreihungen fast komplett, zwei Arbeiten hingegen kamen mit wenigen beigefügten Strichen aus.
5 9 q 4
7 8 6 5
5 5 5 6
A 5 6 7
8 b b b
b b b b
4 4 5 z
h j k l
k i 8 8
r 5 4 3
2 4 8 9
0 l l z
9 8 5 t
5 5 5 5
5 5 5 5
Am Abend schaute V2 Schneider in den Spiegel: Seine Schläfen waren grau geworden, sein Haar war durchsetzt von weißen Haaren, seine Augen blickten müde. Er sah aus wie Joseph Kosuth, nur dünn, dünn, dünn.
Noch sieben Tage.