Tag zweihunderteinundfünfzig
Der ICE Georg Elser ab Berlin Ostbahnhof nach München Hauptbahnhof musste witterungsbedingt wegen Schneeverwehungen auf der Ost-Trasse einen riesigen Umweg über Westdeutschland nehmen. Statt über Jena Paradies fuhr der Zug über Hildesheim, Kassel, Fulda. V2 Schneider blickte auf die vorbeiziehende Landschaft, auf vereiste Wiesen, die Silhouetten von Bäumen in der Ferne und blinzelte in die tiefstehende Sonne. Die Kellnerin brachte ihm eine Portion deftigen Rinderbraten mit brauner Sauce und Kartoffelgratin an den Tisch, außerdem ein großes Glas Hefeweizen. Wie so oft in letzter Zeit dachte er über die Uferlosigkeit seines nomadischen Lebens nach und fragte sich, wo K. wohl stecken mochte. In die Schilderung seines Lebens in Transit legte er, gemäß des berühmten Ausspruchs Louis Malles »seine ganze Zärtlichkeit, seine ganzen Erinnerungen, seine ganze Vorstellungskraft, indem er versuchte, nicht so sehr der Wirklichkeit zu folgen, sondern seine Erinnerung neu zu erfinden«.
Der Regisseur hatte dies einst über seinen Film »Au revoir les enfants« aus dem Jahr 1987 gesagt. Malle: »Der Film wird von einem dramatischen Ereignis aus meiner Kindheit inspiriert, das vielleicht erschütterndste Erlebnis meiner Kindheit, vielleicht sogar meines Lebens: Jean war Jude. Er wurde von der Gestapo im Januar 1944 festgenommen, in unserer Klasse, während des Unterrichts.«
Es wurde bald dunkel. V2 Schneider setzte sich Kopfhörer auf und fiel tief in den entfesseltesten, sehnsüchtigsten, melancholischsten Freejazz, den er seit Jahren gehört hatte. Das Trio Dawn of Midi spielte in der Besetzung Piano, Kontrabass, Schlagzeug. Um 23 Uhr erreichte der Zug München, wo ihm sein Freund der Rabe in dessen Wohnung in der Nähe des Goetheplatzes auf ein äußerst schmackhaftes, mehrgängiges Mahl einlud.
Mit dem Taxi ins Hotel.
Noch 49 Tage.