Dissonanz

von Max Dax

Tag dreihundertfünfundzwanzig

Um 16:00 Uhr klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Mark E. Smith, der aus Südengland anrief.

– Ist es Zufall, dass Sie auf Ihrem neuen Album einen Song »Cowboy George« benannt haben – und einen anderen »Cowboy Gregory«?

– »Cowboy Gregory« ist ein Kommentar zu »Cowboy George«. So etwas muss man sich als Musiker hin und wieder mal erlauben.

– Sie meinen: Wie im Talmud, wo dem Originaltext der Kommentar und anschließend der Kommentar zum Kommentar hinzugefügt wird – und zum Schluss alle Teile miteinander in Verbindung stehen?

– Exakt. Es geht um Zeit. Und um die Auflösung von Zeit. Deshalb höre ich auch so gerne Ornette Coleman. Das ist Freejazz. Mit anderen Worten: Die Auflösung von Zeit. Das ist die größte Aufgabe, der sich ein Musiker stellen kann. Oder würden Sie mir da widersprechen wollen?

V2 Schneider legte den Hörer auf und musste an das kürzlich stattgefundene Gespräch mit Damien Hirst denken, als dieser anmerkte, die größte Aufgabe des Künstlers sei es, die Schwerkraft zu überwinden.

Noch 35 Tage.

Tag dreihundertvierundzwanzig

Zum Mittagessen war V2 Schneider mit dem Zirkusdirektor André Sarrasani verabredet. Es war der Tag der letzten Vorstellung, man sah es in den Augen aller umherhuschenden Schausteller, Handlanger und Artisten – einmal noch alles geben, und dann schlafen, schlafen, schlafen.

– Wie gefährlich sind Tiger wirklich?

– Es hängt von der Art der Dressur ab. Grundsätzlich gilt: Raubtiere rauben nur dann Fleisch, solange man es ihnen nicht auf einem silbernen Tablett in den Käfig reicht. Dann lecken sie es mit ihrer rauhen Zunge von den Knochen. Sind sie erst einmal satt, sind sie friedlich.

– Was ist mit dem kleinen Tiger passiert? Sie hatten drei Tiger, ich sehe nur zwei.

– Masari ist im März einem angeborenen Nierenleiden erlegen, das sie kontinuierlich vergiftete. Es war furchtbar. Es war, als ob unser eigenes Kind gestorben sei. Aber was will man machen? Die Karawane zieht weiter, und so verhält es sich auch mit dem Leben.

V2 Schneider wurde zu den Tigerkäfigen geführt und ließ die Tigerin Kara an seiner Hand schnuppern, dann streichelte er ihren orangeschwarzen Fellnacken. Die Situation war unwirklich – als ob sich V2 Schneider auf eine Zeitreise in die eigene Kindheit begeben hätte.

Noch 36 Tage.

Tag dreihundertdreiundzwanzig

Nasskalt und schmierig hing der Himmel tief über Clifton. Jeder Tag, den wir am Leben sind, bedeutet, dem Tod einen Tag näherzuschreiten. Wir leben in unserer eigenen Vorstellung von Zeit und Wirklichkeit, haben es uns unbequem oder gemütlich gemacht in einem Traum, den wir ›die eigene Geschichte‹ nennen, wir sind Schatten, oder, freundlicher ausgedrückt: die Architekten unserer selbst. Geträumt hatte V2 Schneider von einer Fügung, einer ätherischen Wanderschaft, die ihn unter anderem in die Karibik, in ein aus Holz gebautes Haus führte, mit einem Steg, der über den weißen Strand ins türkisfarbene Wasser führte, weit hinausragte ins Meer und in tropische Nebelschwaden. In seinem Traum wachte er auf in einem großen Bett, jemand musste heißen Kaffee zubereitet und auf das Nachttischchen gestellt haben, er goss sich eine Tasse ein. Neben ihm lag friedlich schlafend eine dunkelhaarige Frau. Das Telefon klingelte. Tatsächlich wachte er im kleinen, überhitzten Zimmer Nummer #42 im Clifton Hotel auf, sein Blick fiel auf graue Wolken.

Und so ging er zu Fuß zum Busbahnhof, so kaufte er sich, dort angelangt, einen Croissant und einen Kaffee im Styroporbecher, und so betrat er den Überlandbus nach London Victoria. Und so nahm er drei Stunden später den Nahverkehrszug nach Gatwick, und so flog er zwei weitere Stunden später mit dem Airbus nach Schönefeld, und so verabschiedete er sich drei Stunden später an der S-Bahnstation Treptower Park von D., und so ging er von dort zu Fuß nach Hause nach Neukölln.

Dort hatte der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben, die ganze mediterrane Pracht war im Schmelzwasser abgesoffen.

Abendessen im Masaniello. V2 Schneider bestellte eine Pizza Tonno, aber der Kellner sprach zu ihm: »Tu non vuoi ’na Pizza Tonno, tu ’ne vuoi ’na cernia all’ acqua pazza.« Und er ließ es geschehen, und seine Stimmung hellte sich auf, als er den in Weißwein und Olivenöl gebackenen Zackenbarsch eine halbe Stunde später vor sich auf dem Teller liegen sah – groß, stolz und wunderschön.

Noch 37 Tage.

Tag dreihundertzweiundzwanzig

In der Küche fanden sie eine Grapefruit, die sie geschwisterlich teilten. Gemeinsam gingen sie durch die gigantischen Buchstaben A R S E N A L, gegossen aus Sichtbeton, vor dem Emirates Stadium, um von dort aus auf dem schnellstmöglichen Wege zu Hans Ulrich Obrist zu gelangen, mit dem sie zum Kaffee um 12:30 Uhr in der Kensington High Street verabredet waren.

– Wie schaffst du es, dich bei deinen vielen Projekten, Ausstellungen und Buchprojekten nicht zu verzetteln?
– Ich denke, es hat ausschließlich mit dem editieren von Zeit zu tun. Bewusstes editieren von Tagestaktungen. Wir leben in einer homogenisierten Welt, in der homogenisierte Tagesabläufe unseren Alltag bestimmen. Wenn wir uns diesen aber verweigern, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Man kann ganz anders mit Zeit umgehen. Man kann unterschiedliche Leben im Leben führen. Man kann parallel-sequenziell leben, in Phasen, die abrupt wechseln, jeweils absolut konsequent Dinge verfolgen. Und im Detail kann jeder Tag eines derartig parallel-sequenziellen Lebens seinerseits auf diese Weise getaktet sein.
– Wie bei dir?
– Zeitverdichtung ist der Schlüssel. Und natürlich das Nickerchen zwischendurch.

Und dann beschlossen sie, sich in Dubai oder in Tokio oder in irgendeiner anderen Stadt zu treffen, um in einem Akt der Erzwingung von Realität, einmal länger zu sprechen.

Parmesankäse, Oliven, medium gegrillte Kalbsleber mit Salbei, Linguine al Cartoccio, eine Flasche köstlich durchgefrosteter Verdicchio dei Castelli di Jesi, schwarzer Arabica im Ristorante Ciao Bella in der Lamb’s Conduit Street.

Mit einem schmutzigen, überhitzten Zug rasten D. und V2 Schneider durch die Abenddämmerung nach Bristol, wo sie um 20:20 Uhr der Weltpremiere der Neuvertonung von Carl Theodor Dreyers »La passion de Jeanne d’Arc« durch Adrian Utley von Portishead und Will Gregory von Goldfrapp beiwohnten.

Nächtlicher Spaziergang ins Hotel durch eine dunkle, verwunschene Stadt.

Noch 38 Tage.

Tag dreihunderteinundzwanzig

Um 6:00 Uhr klingelte der Telefonwecker. Um 7:00 Uhr nahm V2 Schneider die U8 zum Ostbahnhof. Um 8:01 Uhr lächelte ihn D. an, als sie gemeinsam im Regionalexpress durch die Ostbrachen gen Schönefeld stoben. Um 8:52 Uhr bestellten sie sich einen Espresso in der Sicherheitszone. Um 9:17 Uhr wurde das Gate bekanntgegeben. Um 9:25 Uhr wurde V2 Schneider von der deutschen Grenzpolizei daran gehindert, den Flug EZY2102 zu besteigen. Um 9:50 Uhr saß er im Taxi nach Neukölln, wo er sich beim Reichsbürgeramt einen neuen Pass ausstellen ließ. Um 11:30 Uhr nahm er die U8 bis Gesundbrunnen, die Ringbahn bis Beusselstraße, schließlich den TXL-Expressbus nach Tegel. Um 13:30 Uhr betrat er den Star-Alliance-Flug BD644 nach Heathrow, wo er um 14:05 Uhr landete. Mit dem Heathrow-Express ab 14:35 Uhr nach Paddington.

Jenny Holzer in Gentlewoman: »Moving is a way of dealing with anxiety. If you are in motion, you feel like you are doing something,and it makes you tired. You are tranquilized.«

Mit dem Taxi in die Brick Lane 159, genauer gesagt: in die Jewish Beigel Bakery, wo D. bereits auf ihn wartete und bei seinem Eintreffen freundlich winkte.

Wundervoller Geschmack schwarzen Kaffees mit einem Schuss weißer Milch. Wundervoller Duft perfekt gebratenen koscheren Salt Meats und frischer Backwaren.

16:00 Uhr: Gespräch mit Penny Martin über die Frage, weshalb die Zeitschrift The Gentlewoman ausgerechnet mitten während der großen Medienkrise auf den Markt gebracht wurde.

17:30 Uhr: Gespräch mit Gert Jonkers von Fantastic Man über die Frage, inwiefern Andy Warhol mit seinem Interview-Magazine nicht ein für alle Mal die Zukunft von Print definiert hat, und der ganze Trick womöglich lautet, es einfach genauso zu machen, wie es Warhol einst vorgemacht hatte?

19:30 Uhr: Mit dem Taxi nach Highbury & Islington, der Fernseher läuft, 13 Jahre New Labour sind Geschichte, Gordon Brown ist abgewählt, D. und V2 Schneider schauten in leere Gesichter.

Seeteufel mit thailändischem Chili, Ingwer, Koreander, grünem Spargel, Weißwein und selbstgebackenen Kartoffelchips.

Noch 39 Tage.

Tag dreihundertneunzehn

Kaum war V2 Schneider wohlbehalten um 21:09 Uhr mit dem ICE Leon Feldhendler in Köln eingetroffen, ward er auch schon von Nostalgia ergriffen. Was hatte er in dieser Stadt verloren, in der keiner mehr lebte, den er einst gekannt hatte? Er checkte im Hotel Königshof ein und begab sich zu Fuß in die Friesenstraße, wo er im Päffgen einen Teller Roastbeef mit Remoulade und Bratkartoffeln bestellte, sowie zwei Stößchen Kölsch trank. Er beobachtete die Menschen: Grüppchen von Sekretärinnen und Grüppchen von Geschäftsreisenden. Alle waren sie viel zu laut, und ihnen allen glänzten die Nasen im Neonlicht ein wenig zu stark. Im Sixpack bot sich ein ähnliches Bild, nur dass die Tresenkräfte hier wie Zivilpolizisten aussahen. Am Tresen: zwei einsame Studentinnen, die wirkten, als warteten sie auf Facebook-Verabredungen.

V2 Schneider vermochte es in diesem Ambiente nicht, seine soeben bestellte Flasche Früh auszutrinken. Die Tristesse schnürte ihm die Kehle zu. Zu Fuß ging er durch menschenleere Straßen zurück ins Hotel, wo er noch lange in seinem Bett wach lag. Er schlug seinen De Montaigne, den er stets auf Reisen mit sich führte, irgendwo auf und begann zu lesen: »Jene, die unser Leben mit einem Traum verglichen, hatten recht, und vielleicht mehr, als sie dachten. Wenn wir träumen, lebt und wirkt unsre Seele mit all ihren Fähigkeiten nicht weniger, als wenn sie wacht – gewiss auf gedämpftere und dunklere Weise, doch ist der Unterschied darum keineswegs so groß wie zwischen Nacht und Tag, sondern allenfalls wie Nacht und Schatten.«

Noch 41 Tage.

Tag dreihundertachtzehn

Einkaufszettel Italia Far East Fusion im Themroc:

Für die Vorspeise:
3kg Seeteufelbäckchen (Sashimiqualität)
80g Koreander
10 Zitronen
1 Flasche Olivenöl Extra Vergine

Für das Hauptgericht:
10kg Kabeljau
2 Bund Zitronengras
400g Ingwer
1 Flasche weißer Chardonnay
1 Pckg. Thai-Chili
1 Pckg. Mono-Knoblauch

Für den Gateau au Vin:
9 Eier
2kg Weizenmehl
1kg Rohrohrzucker
Backpulver

Weißbrot in ausreichender Menge

Ohne viel miteinander zu reden, kochten sie für 44 Gäste jeweils drei Gänge. V2 Schneider bereitete die Seeteufelbäckchen vor den Augen D.s zu, die einen Logenplatz an der offenen Küche eingenommen hatte. Immer, wenn sie abgelenkt war und ihr Blick zur Tür, zu einem Bekannten oder auf die Straße ging, füllte Schneider ihren Teller mit unmerklicher Handbewegung mit ein, zwei Streifen Seeteufelbäckchen auf, über die er in Maßen Olivenöl, Zitrone, grobes Salz und feinst gehackten Koreander gab. Auf diese Weise war sichergestellt, dass der feine, fast unmerkliche, aber süchtig machende Geschmack der rohen Fischkiemen stets abrufbar war.

Sie tranken dazu etliche Gläser Bourgogne Aligotë Le Gregoire, und als die Schlacht geschlagen war, rauchten sie Zigaretten der Marke P&S.

Noch 42 Tage.

Tag dreihundertsechzehn

Während sich in den Seitenstraßen um das Kottbusser Tor die Wasserwerfer und die martialisch ausstaffierten Stoßtrupps der Bereitschaftspolizei sammelten, um die schwarz vermummten Aufständischen niederzuschlagen, wo immer sie sich ihnen entgegenstellten, verfiel V2 Schneider imabgedunkelten Schlafzimmer in einen Wachtraum. Er lag mit dem Rücken auf das große Bett und starrte an die Decke. Er war alleine, und wie so oft vertraute er sich in Momenten wie diesem der Stimme Bob Dylans an, genauer gesagt: dessen Ende der Achtziger wiedergefundenen Stimme. Er hatte im Nebenzimmer eine Playlist mit den gesammelten akustischen Aufnahmen der 1988er Interstate-Tournee durch die USA und Kanada aufgelegt. Und während sich die Schlachtrufe der Aufständischen mit dem ebenso bedrohlichen wie gespenstischen Rhythmus der paramilitärischen Einheiten vermischten, die beim Vorrücken mit ihren Schlagstöcken auf ihre eigenen Schilde schlugen, schnitt Dylans Stimme durch die Kakophonie der Maifestspiele, die Geschichte von Poor William und Barbara Allen erfüllte den Raum.

In Scarlett town, where I was born,
There was a fair maid dwellin’
Had a name was known both far and near,
An’ they called her Barbara Allen.

’Twas in the merry month of May,
Green buds they were swellin’,
Poor William on his death-bed lay,
For the love of Barbara Allen.

He sent his man down to town
To the place where she was dwellin’
Sayin’: »Master bids your company,
If your name be Barbara Allen.«

Slowly, slowly she got up
To the place where he was lyin’,
And when she pulled the curtain back,
Said: »Young man, I believe you’re dying!«

»Oh yes, oh yes, I’m very sick
And I shall not be better
Unless I have the love of one,
The love of Barara Allen.«

»Don’t you remember that night ago,
The night down in the tavern?
You gave a toast to all the ladies there,
But you slighted Barbara Allen.«

»Oh yes, oh yes, I remember well
That night down in the tavern.
I gave a toast to all the ladies there,
But I gave my heart to Barbara Allen.«

When she was walking back to town,
She could hear them death bells kneelin’,
And every tone seemed to say:
»Hard-hearted Barara Allen.«

The more they told, the more she wept
’Till her heart was filled with sorrow.
She said: »Poor William died for me today;
I’ll die for him tomorrow.«

They buried her in the old churchyard,
They buried him beside her,
And from her heart grew a red, red rose,
And from his heart a briar.

They grew, they grew so awfully high
Till they could grow no higher,
An’ ’twas there they tied a lover’s knot,
The red rose and the briar.

Polizeisirenen rissen ihn zurück in die Gegenwart und nach Westberlin. Er starrte gegen die Decke, längst war es nach Mitternacht, und er fragte sich, warum die stärksten Liebesgeschichten in Lied, Poesie und Literatur fast immer jene waren, in denen die Liebenden erst sterben mussten, um zueinander zu finden. Interessanterweise erwächst im Original des Liedes, einer alten schottischen Ballade, die Rose aus dem Herzen Williams, während die Dornenranke aus dem Herzen der Barbara Allen sprießt. Dylan vertauschte die Rollen. Wundervolle Tiefen und Verfeinerungen, verborgen in den schönen, schmerzhaften Balladen der unsichtbaren Republik.

Noch 44 Tage.

Tag dreihundertfünfzehn

In den Räumen der Galerie Sprüth Magers zeigte Andreas Gursky insgesamt sieben, »Ocean I« bis »Ocean VI« sowie »Antarctic«, betitelte Satellitenaufnahmen der Weltmeere – wobei Gursky zweifach in die auf den ersten Blick ebenso rein wie sachlich anmutenden Motive digital eingegriffen hat. Erstens manipulierte der Künstler die Lage der die Ozeane einfassenden Küstenlinien teilweise merklich, zweitens ist die Zeichnung der Wassermassen zwischen den Kontinenten mangels hochauflösender Originalaufnahmen im Unterschied zu der verfügbaren Bilderflut über das Festland reine Fiktion. Vermutlich arbeitete Gursky mit einem Heer von Assistenten, so perfekt sahen zumindest die im wahrsten Sinne des Wortes noch nie gesehenen Bilder der schönen See aus, auf die V2 Schneider nicht ohne Faszination starrte. Die Autorenfrage – immerhin hatte Gursky die Bilder nicht selbst geschossen, tatsächlich aber den Wasseranteil der Bilder aus eigener Hand beigesteuert – schien Schneider viel spannender als das prätentiöse, belehrende siebente Bild, die Invertierung des Konzeptes: der weiße Kontinent Antarktis, umgeben von kalter See, und sie wird eines Tages, wenn das Eis geschmolzen ist, das ganze Bild einnehmen. Unterm Strich fühlte sich V2 Schneider an Thomas Ruffs Sternenbilder erinnert.

Gemeinsam mit D., die an diesem Abend ihre weiße Uniformjacke mit den hellgrauen Epauletten, schwarze Hosen, eine schwarzes Hemd und weiße Schuhe trug, begab er sich sodann, der ihnen zugeschickten Einladung folgend, ins Restaurant Rodeo im Alten Postfuhramt. Sie waren an Tisch #4 gesetzt, mit dem Rücken zur Wand, so dass sie den Panoramablick auf die dem Pantheon in Rom nachempfundene große Kuppel des Gebäudes hatten.

Königsberger Klopse in würziger Kapernsauce
Rosa Tranchen vom argentinischen Rind
Gedünstetes Zanderfilet auf Senfsauce

Weißer Spargel aus Beelitz
Ganze Möhrchen
Junge Frühkartoffeln

Rhabarber-Mousse
Schokoladentorte
Erdbeersalat mit frischem Waldmeister

Weißwein:
Kersteiner Paulingshofberg, 2007
Riesling, Kabinett Mosel, Deutschland

Rotwein:
Grand Marrenon, 2006
Côtes du Luberon, Frankreich

Gegen Mitternacht riss er sich von der längst tanzenden Gesellschaft los und verabschiedete sich von D. Beim Hinausgehen lief er erst in Hans Ulrich Obrist, dann in Rainald Goetz, schließlich in Andreas Reihse. Mit dem Fahrrad rollte er durch die Nacht. Beeindruckende Drohkulisse aus gepanzerten Mannschaftswagen, riesenhaften Wasserwerfern und Lastern, deren Pritschen vollgeladen waren mit Hamburger Gittern. In Kreuzberg war man bestens vorbereitet auf jede Form von Übertreibung.

Noch 45 Tage.

Tag dreihundertvierzehn

In der Berliner Filiale der dem Auktionshaus Christy’s gehörenden Galerie Haunch of Venison in der Heidestraße herrscht geschäftiges Treiben. Damien Hirst und Michael Joo stellen gemeinsam aus, morgen wird eröffnet, der Titel der Show lautet »Have You Ever Really Looked at the Sun?« Zwei Erkenntnisse nach einem zügigen Rundgang durch die Ausstellungsräume: Erstens waren die Arbeiten Michael Joos um Längen besser, als V2 Schneider diese in Erinnerung hatte. Herausragend war Joos Hommage an Martin Kippenberger, »M, S, G« – die Buchstaben beziehen sich auf Kippenbergers gleichnamige Arbeit »Miete, Strom, Gas«. In dieser Rauminstallation schwebt ein riesiges Geweih über einem gefrorenen Mann aus Eis, der mithilfe eines Kühlaggregats permanent in durchgefrostetem Zustand gehalten wird. An der Wand: Eine an die ›Hotel, Hotel‹-Serie Kippenbergers erinnernde Miniatur, die Worte »Rent, Electricity, Gas« in Bleistift auf das Briefpapier eines Hotels geschrieben. Auf dem Fußboden, an der Stirnseite des Raums: Zementsäcke, wie aus Versehen liegengelassen, darauf geschraubt (!) ein Stapel Einladungskarten zu einer Ausstellung Kippenbergers. Eine Welt aus Querverweisen und Referenzen, beschworen mit einem guten Maß Humor.

Zweitens hat Damien Hirst nach seinem vieldiskutierten Diamantenschädel, der die Kernschmelze des Kunstmarktes markierenden Hyperarbeit aus dem Jahr 2008, keine neuen Positionen mehr bezogen, zumindest keine, die in der Ausstellung in Berlin thematisiert wurde. Stattdessen: business as usual. Hirst scheint in der selbst gestellten Falle zu stecken, als er gezwungen ist, mit jeder neuen Arbeit vorangegangene zu übertrumpfen. Doch wie soll das nach dem »Diamond Skull« funktionieren? Er probiert es mit ins Riesenhafte vergrößerten Krebszellen – keine Frage handelt es sich hierbei um morbide, ebenso abstrakte wie grausam-schöne Arbeiten –, doch geht von den Großdrucken, in die Damien Hirst zudem Skalpellklingen, Fischgräten und Glasscherben eingearbeitet hat, keinerlei Gravitation aus.

Anschließend wurden sie einander vorgestellt, und V2 Schneider nutzte die Gelegenheit, um Hirst, der eine sehr auffällige Sonnenbrille und an allen Fingern riesige Platinringe trug, eine Frage zu stellen.

– Warum haben Sie den Diamantenschädel eigentlich gemacht?

– Weil ich es konnte.

Ohne etwas gegessen zu haben, fuhr Schneider durch die Abenddämmerung und schaute sich bei einem Freund das Halbfinale FC Fulham : HSV an, das Hamburg mit 2:1 verlor. Er blickte beim Abpfiff in leere Augen und fassungsloses Entsetzen.

Noch 46 Tage.