Während sich in den Seitenstraßen um das Kottbusser Tor die Wasserwerfer und die martialisch ausstaffierten Stoßtrupps der Bereitschaftspolizei sammelten, um die schwarz vermummten Aufständischen niederzuschlagen, wo immer sie sich ihnen entgegenstellten, verfiel V2 Schneider imabgedunkelten Schlafzimmer in einen Wachtraum. Er lag mit dem Rücken auf das große Bett und starrte an die Decke. Er war alleine, und wie so oft vertraute er sich in Momenten wie diesem der Stimme Bob Dylans an, genauer gesagt: dessen Ende der Achtziger wiedergefundenen Stimme. Er hatte im Nebenzimmer eine Playlist mit den gesammelten akustischen Aufnahmen der 1988er Interstate-Tournee durch die USA und Kanada aufgelegt. Und während sich die Schlachtrufe der Aufständischen mit dem ebenso bedrohlichen wie gespenstischen Rhythmus der paramilitärischen Einheiten vermischten, die beim Vorrücken mit ihren Schlagstöcken auf ihre eigenen Schilde schlugen, schnitt Dylans Stimme durch die Kakophonie der Maifestspiele, die Geschichte von Poor William und Barbara Allen erfüllte den Raum.
In Scarlett town, where I was born,
There was a fair maid dwellin’
Had a name was known both far and near,
An’ they called her Barbara Allen.
’Twas in the merry month of May,
Green buds they were swellin’,
Poor William on his death-bed lay,
For the love of Barbara Allen.
He sent his man down to town
To the place where she was dwellin’
Sayin’: »Master bids your company,
If your name be Barbara Allen.«
Slowly, slowly she got up
To the place where he was lyin’,
And when she pulled the curtain back,
Said: »Young man, I believe you’re dying!«
»Oh yes, oh yes, I’m very sick
And I shall not be better
Unless I have the love of one,
The love of Barara Allen.«
»Don’t you remember that night ago,
The night down in the tavern?
You gave a toast to all the ladies there,
But you slighted Barbara Allen.«
»Oh yes, oh yes, I remember well
That night down in the tavern.
I gave a toast to all the ladies there,
But I gave my heart to Barbara Allen.«
When she was walking back to town,
She could hear them death bells kneelin’,
And every tone seemed to say:
»Hard-hearted Barara Allen.«
The more they told, the more she wept
’Till her heart was filled with sorrow.
She said: »Poor William died for me today;
I’ll die for him tomorrow.«
They buried her in the old churchyard,
They buried him beside her,
And from her heart grew a red, red rose,
And from his heart a briar.
They grew, they grew so awfully high
Till they could grow no higher,
An’ ’twas there they tied a lover’s knot,
The red rose and the briar.
Polizeisirenen rissen ihn zurück in die Gegenwart und nach Westberlin. Er starrte gegen die Decke, längst war es nach Mitternacht, und er fragte sich, warum die stärksten Liebesgeschichten in Lied, Poesie und Literatur fast immer jene waren, in denen die Liebenden erst sterben mussten, um zueinander zu finden. Interessanterweise erwächst im Original des Liedes, einer alten schottischen Ballade, die Rose aus dem Herzen Williams, während die Dornenranke aus dem Herzen der Barbara Allen sprießt. Dylan vertauschte die Rollen. Wundervolle Tiefen und Verfeinerungen, verborgen in den schönen, schmerzhaften Balladen der unsichtbaren Republik.
Noch 44 Tage.