Dissonanz

von Max Dax

Tag zweihunderteinundfünfzig

Der ICE Georg Elser ab Berlin Ostbahnhof nach München Hauptbahnhof musste witterungsbedingt wegen Schneeverwehungen auf der Ost-Trasse einen riesigen Umweg über Westdeutschland nehmen. Statt über Jena Paradies fuhr der Zug über Hildesheim, Kassel, Fulda. V2 Schneider blickte auf die vorbeiziehende Landschaft, auf vereiste Wiesen, die Silhouetten von Bäumen in der Ferne und blinzelte in die tiefstehende Sonne. Die Kellnerin brachte ihm eine Portion deftigen Rinderbraten mit brauner Sauce und Kartoffelgratin an den Tisch, außerdem ein großes Glas Hefeweizen. Wie so oft in letzter Zeit dachte er über die Uferlosigkeit seines nomadischen Lebens nach und fragte sich, wo K. wohl stecken mochte. In die Schilderung seines Lebens in Transit legte er, gemäß des berühmten Ausspruchs Louis Malles »seine ganze Zärtlichkeit, seine ganzen Erinnerungen, seine ganze Vorstellungskraft, indem er versuchte, nicht so sehr der Wirklichkeit zu folgen, sondern seine Erinnerung neu zu erfinden«.

Der Regisseur hatte dies einst über seinen Film »Au revoir les enfants« aus dem Jahr 1987 gesagt. Malle: »Der Film wird von einem dramatischen Ereignis aus meiner Kindheit inspiriert, das vielleicht erschütterndste Erlebnis meiner Kindheit, vielleicht sogar meines Lebens: Jean war Jude. Er wurde von der Gestapo im Januar 1944 festgenommen, in unserer Klasse, während des Unterrichts.«

Es wurde bald dunkel. V2 Schneider setzte sich Kopfhörer auf und fiel tief in den entfesseltesten, sehnsüchtigsten, melancholischsten Freejazz, den er seit Jahren gehört hatte. Das Trio Dawn of Midi spielte in der Besetzung Piano, Kontrabass, Schlagzeug. Um 23 Uhr erreichte der Zug München, wo ihm sein Freund der Rabe in dessen Wohnung in der Nähe des Goetheplatzes auf ein äußerst schmackhaftes, mehrgängiges Mahl einlud.

Mit dem Taxi ins Hotel.

Noch 49 Tage.

Tag zweihundertsiebenundvierzig

Auf dem Balkon stehend, mit einem Glas Burgunder in der Hand, sah er das Flakfeuer immer näher kommen.

Am frühen Nachmittag hatte V2 Schneider noch Wasser getrunken, im Francucci, da war in der Hauptstadt noch nichts vom dräuenden Unheil zu spüren. An den Wänden: Fotografien von prominenten Gästen, die in den vergangenen Jahrzehnten hier zu Abend gegessen haben, viele von ihnen in Abendgarderobe. Die gelifteten, gegerbten alten Westberliner, die sich heute wie jeden Sonntagmittag an den Nebentischen zu Roastbeef und Arneis in dem Traditionsrestaurant am Kurfürstendamm treffen – übrigens das älteste italienische Ristorante in Westberlin, von Ostberlin ganz zu schweigen – sind Kontinente weit von dem Glamour vergangener Zeiten entfernt. In einer solch römisch-saturierten Atmosphäre des Untergangs ließ sich Schneider Orecchiette mit halbroher Salsiccia, Mangold und Peperoncino kommen, vorweg bestellte er Radicchio di Treviso, unaufgefordert servierte die heiße blonde Kellnerin schmackhaftes Brot und Olivenöl.

Schneider war mit dem Erzähler PeterLicht zum Mittagessen verabredet, dessen neues Stück »Der Geizige« am Abend zuvor Premiere am Gorki-Theater gehabt hatte. Das war derselbe Abend, an dem der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu im Rahmen der Berlinale-Abschlussveranstaltung – der Schneider trotz Einladung ferngeblieben war – für seinen poetischen Agrarfilm »Bal« den Goldenen Bären verliehen bekam und an welchem Walter W. Wacht gemeinsam mit Christian Naujoks vor vollem Haus, wenngleich in Abwesenheit von John Wesley Dax, im Westgermany am Kottbusser Tor das offizielle Erscheinen der neuen Spex feierte.

Frage: »Wie denkst du über das Authentische, also dass der Autor identisch zu sein hat mit dem berichteten Erlebten?«

Antwort: »Wenn ich Menschen etwas sagen lasse, dann sagen diese zumeist Dinge, die mir zuvor auf die ein oder andere Weise selbst durch den Kopf gegangen waren. Ich verteile meine Gedanken, Gefühle und Ideen auf eine Vielzahl von Protagonisten. Ich erzähle also durchaus Persönliches, nur codiere ich es bis ins Absurde.«

Noch 53 Tage.

Tag zweihundertsechsundvierzig

Rekapitulation. Nach einem langen Gespräch mit dem Geliebten Sekretär aus der fernen Gemarkung Bern öffnete V2 Schneider die Flasche Pommery, die ihm Dieter Kosslick nach der Preisverleihung in die Hand gedrückt hatte, und setzte die Nadel seines SL 1210 MK2 auf die Einlaufrille von »So What«, dem Eröffnungsstück von »Kind of Blue«. Er drehte die sich in den weißen Räumen der Wohnung entfaltende Musik nicht besonders laut, um die schlafenden Kinder in der Nachbarwohnung nicht zu wecken, doch hat es dynamische Musik an sich, dass sie gelegentliche solistische ›Outbursts‹ aufweist, namentlich das Saxophonspiel von John Coltrane und Cannonball Adderley, das den langsamen, unruhigen Fluss der von Paul Chambers und James Cobb kohäsiv zusammengehaltenen Musik in Momenten majestätisch kontrapunktiert.

V2 Schneider befand sich in mehrerleich Hinsicht am Scheideweg. Seit einigen Monaten nun schon driftete er durch Berlin. Kaum ein Tag verging, an dem er nicht in einem anderen Bett in einer anderen Wohnung in einem anderen Stadtviertel der Neonstadt aufwachte. Vielleicht war es als Zeichen zu deuten, dass sich die Stadt aus der Schockstarre des langen Winters zu befreien, aufzutauen begann. »Blue in Green« auf alle Fälle traf mit den verminderten Akkorden Bill Evans’ seine Stimmung auf den Punkt. Nur noch wenige Tage, und das Entwurzeltsein würde ein Ende haben. Er würde die Fenster aufreißen und sich von allem trennen, was ihn nicht mit der klassischen Moderne seiner Gedanken verband. Die Luft würde vor Klarheit erzittern.

Bis dahin stand indes alles auf dem Spiel, was ihm teuer war. Das wussten auch alle Menschen in seiner Umgebung. Es stand eine Woche der Wahrheit an, in welcher die Weichen richtig oder falsch gestellt würden. Ihm war klar, dass er viel zu selten das Café de la Jeunesse Perdue besuchte, eine dunkle Jazzbar, in die es derzeit nur wenige Menschen verschlägt, obwohl sie ganz in der Nähe des Zentrums des Bösen lag.

Er schlug das Buch »Interviews With Francis Bacon« von David Sylvester auf, das ihm Hans Ulrich Obrist zu kaufen aufgetragen hatte, und zwar zufällig auf Seite 134, und er begann zu lesen:

Frage: »But what is it what you see when you daydream?«

Antwort: »I see extraordinarily beautiful paintings.«

Im Bruchteil einer Sekunde wusste V2 Schneider, dass er auf dem besten Wege war, seinen Frieden zu finden.

Er fragte sich, was K. wohl in dieser Sekunde dachte.

Und er fragte sich, warum er den Stadtfuchs schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte, obwohl er doch jede Nacht alleine durch die Straßen schlich.

Noch 54 Tage.

Tag zweihundertfünfundvierzig

V2 Schneider musste am Abend noch die Urkunden für die Gewinner des Goldenen und des Silbernen Bären im Berlinale-Hauptquartier unterschreiben. Dabei ließ er versehentlich irgendwo seine schwarze Tasche stehen. Bei dem Versuch, ihm bei der Wiederbeschaffung der schwarzen Tasche zu helfen, verlor K. ihr Funktelefon. R. entdeckte die schwarze Tasche schließlich im fünften Stock des Hauptquartiers, doch war die Glastür zu N.s Büro verschlossen. Eine ihm unbekannte Dame rief Schneider von K.s Telefon an und teilte ihm mit, dass sie K.s Telefon gefunden hätte und es an der Kasse des Arsenal-Kinos hinterlegen würde. M. versuchte von N. den Schlüssel zu bekommen, um die Tür zum Büro zu öffnen, in welchem sich die schwarze Tasche befand. A. musste dringend aufs Klo. Schneider schickte unterdessen einen Runner ins Arsenal-Kino, um K.s Telefon sicherzustellen. In der Zwischenzeit rief K. an und berichtete, dass sie ihr Telefon wieder in den Händen hielte. R. merkte schließlich an, dass sie zu keinem Zeitpunkt am Wiederauftauchen der schwarzen Tasche gezweifelt habe.

Inhalt der schwarzen Tasche:

Ein Olympus Digital Voice Recorder WS-450S
Ein USB-Adapter für SD-Mikro-Chipkarten
Ein Gilette-Mach3-Rasierer mit fünf Ersatzklingen
Eine Packung Euphrasia-Augentropfen
Eine DVD des Films »Jade« von Daniel Elliott
Ein Satz Scopa-Karten Napoletane Plastificate Dal Negro
Sieben Varta-Ersatzbatterien
Ein 2GB-Memorystick
Diverse Kugelschreiber
Ein Exemplar der aktuellen Spex #325
Zwei Packungen Taschentücher
Ein Moleskine-Notizbuch mit einer an R. gerichteten Widmung von Black Francis
Ein Paar Socken
Eine Zahnbürste
Ein Kalender mit allen Terminen
Eine Promo-CD des neuen Albums von Cibelle mit dem Titel »Las Vênus Resort Palace Hotel«
Ein Exemplar von Peter Handkes »Das Gewicht der Welt – Ein Journal (November 1975-März 1977)«

Nachdem A. von der Toilette zurückgekehrt war und M. den Schlüssel schließlich von N. erhalten hatte, die schwarze Tasche also wieder in die richtigen Händen gelangt war, aßen V2 Schneider, A. und R. in einem gemütlichen indischen Restaurant in der Langenscheidtstraße zu Abend. Über den Februar notierte Handke in seinem Journal aus dem Jahr 1976: »Man wählt eine Nummer; es ist aber die falsche: nur ein Kind meldet sich, das allein ist und weint – auch so beginnt eine Geschichte.«

Noch 55 Tage.

Tag zweihundertvierundvierzig

V2 Schneider hatte sich auf genau einen Film in der Retrospektive gefreut, doch sollte es ihm nicht vergönnt sein, »Il Cristo Proibito« von Curzio Malaparte im Cinemaxx 8 am Potsdamer Platz auch anzusehen, obwohl ihm K. eine Karte organisiert hatte. Die Gegenwart holte ihn ein, und er fragte sich, ob er jemals wieder Herr über seine eigene Zeit sein würde. Dass er vor zwei Nächten getanzt hatte, und dass er im tosenden Lärm ein bestimmtes Gespräch hatte führen können, hatte ihn möglicherweise für immer verändert. Er musste an Hans Ulrich Obrist denken und wie dieser damals geradezu beschwörend auf ihn eingeredet hatte – dass der Mensch imstande sei, jederzeit Realität zu schaffen, Fakten zu schaffen. Schneider deklinierte diesen existenziellen Gedanken durch die ihm bekannten Fälle Raum, Zeit, Geld und Liebe – und erinnerte sich daran, dass Tobias Levin einst, vor fast zwanzig Jahren, auf seinem Album »Reformhölle«, das eigentlich »Hotel Ruhe« hätte betitelt werden sollen, in dem Song »Also?« unter Verwendung einer Rezitation Max Müllers mehr als zwei essenzielle Zeilen zum Thema geschrieben hatte:

Liebe bedeutet, daß ich
mich nicht beeilen will,
mit dem was ich tu’.

(Zeit bedeutet, daß man
daß man sich beeilen muß
mit dem was man tut. Du.)

Und Zeit bedeutet,
daß man sich beeilen muß,
mit dem was man tut.
Also? Daß man. Daß man.

V2 Schneider entschied sich trotz dieser Erkenntnis, auch an diesem Tag wieder dafür konstruktiv zu bleiben und arbeitete sehr effektiv bis 21 Uhr. Mit dem Taxi fuhr er anschließend ins Themroc, wo er mit Shain Miedzinsky, Alec Empire, Daniel Lieberberg und Andreas Reihse zum Abendessen verabredet war. Alireza servierte als Vorspeise einen sensationellen Rote-Beete-Salat mit Cashew-Nüssen und als Hauptgang einen an Geschmack nicht zu überbietenden persischen Lammfleischspieß mit Zwiebelstücken und Paprika, dazu Reis.

Schneider warf angetrunken ein Bonmot von Kinky Friedmann in den Raum, das er von Jörg Heiser wenige Tage zuvor auf dem Suhrkamp-Empfang gesteckt bekommen hatte, auf das Miedzinsky allerdings gar nicht reagierte: »They don’t make jews like Jesus anymore.« Interessiert und mit mehr als nur einem Lächeln auf den Lippen verfolgte er indes die bald darauf anhebende, lebhaft geführte Diskussion zwischen Reihse und Empire, die, sich gegenseitig befeuernd, immer tiefer in Nacherzählungen von peinlichen Szenen aus »Curb Your Enthusiasm« hineinlachten.

Nächtliche Autofahrt mit dem Volvo durch die Neonstadt, den Tiergartentunnel, schließlich durch das zerbombte Westberlin, bis in die Uhlandstraße.

Noch 56 Tage.

Tag zweihundertdreiundvierzig

Berlinale-Tagebuch, Tag sieben. Auch das Gewinner-Abendessen für die Kurzfilm-Preisträger hatte niemand in seine Excel-Tabelle eingetragen, aber dieses Mal hatte V2 Schneider Zeit. Vor der Tür zum Kaisersaal bekam er von K. die Einladung ausgehändigt, sie bot ihm eine Zigarette an, er gab ihr Feuer, dann verschwand sie in der dunklen Nacht, und Schneider betrat die Höhle des Löwen.

Roulade von Hirschrücken und Foie Gras, in hauchdünne Scheiben geschnitten, dazu gedörrte Grandes Berries
Transparente Tomatenessenz mit Zitronenöl und Sardellensticks
Filet vom Loup de Mer, kross gebraten, mit Zitronen-Thymianbutter-Parmesanhippe und Kartoffel-Olivenfondue
Geeister Montélimar Nougat mit Feigen im Zitrusfond

Erschöpfte, von der gnadenlosen Taktung des Festivals ausgelaugte Funktionäre betrinken sich. Auf die Frage, was sein nächstes Filmprojekt sei, antwortet Shain Miedzinski, dass er einen Porno drehen wolle, und zwar vor und hinter der Kamera. Lautes Gegröle am benachbarten »Jud Süß«-Tisch.

Grauburgunder Dr. Heger 2008
Mimus Spätburgunder Dr. Heger 2007
Arabica

V2 Schneider war nicht zu Lachen zumute, er hatte genug gesehen, er ging zu Fuß in ein Zuhause das keines war.

Noch 57 Tage.

Tag zweihundertzweiundvierzig

Berlinale-Tagebuch, Tag sechs. Gegen 21:00 Uhr geht die Generalprobe für die Verleihung des Goldenen und des Silbernen Bären der Kurzfilmjury gründlich schief. Die Protagonisten auf der Bühne treten sich versehentlich auf die Füße, hetzen ihre Sätze ins Mikrofon und grinsen, weil die Leinwand noch hängt. Es ist dennoch feierlich, einen Kinosaal, der ja im Grunde nichts anderes ist als eine Kirche, zu beobachten, wie er für ein internationales Medienevent zurechtgemacht wird – und sich anschließend in Erwartung dessen, was geschehen wird, langsam füllt. Zweihundert der vierhundert Plätze sind an Funktionäre, Filmemacher und Gäste vergeben. Auf die Sessel geklebte DIN-A4-Laserausdrucke benennen die Institutionen: Berlinale, Europäischer Filmpreis, Deutscher Akademischer Austauschdienst etc. Ein Meer von weißen, symmetrisch an die Rückenlehnen angebrachten Zetteln. Bei der tatsächlichen Verleihung geht dann aber alles glatt. Nur die Gewinnerin der Nominierung für den Europäischen Filmpreis, Nathalie Teirlinck aus Belgien, vergisst vor lauter Aufregung, der Jury die Hände zu schütteln und fällt fast von der Bühne. Ihr Film trägt den Titel »Venus vs. Me« und erzählt in einer komplexen Montagetechnik von der inneren Zerrissenheit eines zwölfjährigen Mädchens, das gleich in mehrfacher Hinsicht gezwungen wird, sich mit dem Ende der Kindheit und dem Beginn der Jugend auseinanderzusetzen. Autodestruktion und Neugierde liegen nahe beieinander.

Als Shai Miedzinski die Bühne betritt, um für seinen Film »Hayerida« (»The Descent«) den Silbernen Bären entgegenzunehmen, glitzern ihm Tränen in den Augen. Filmsprachlich zitiert sein 20-minütiger Kurzfilm Michelangelo Antonionis »L’Avventura«: Eine Familie hat ihren Sohn verloren und möchte in der israelischen Wüste einen passenden Felsbrocken finden, der sich als Grabstein eignet – durch die Familie indes geht ein tiefer Riss. Der Goldene Bär geht an den Schweden Ruben Östlund für seinen elfminütigen »Händelse Vid Bank« (»Incident by a Bank«), in welchem er mit einer ruhenden CCTV-Kamera ohne Schnitt eine groteske Handlung abfilmt, die sich vor einer Stockholmer Filiale der SEB-Bank abspielt. Zwei Protagonisten werden Zeugen eines dilettantisch ausgeführten Banküberfalls und diskutieren darüber, ob sie sich besser in Sicherheit bringen oder doch lieber das Geschehen filmen sollen. Am Ende unterhalten sie sich darüber, dass der Digitalzoom der 8-Megapixel-Handykamera nur ein simulierter Zoom sei, der auf Kosten der Bildqualität ginge. Genau dasselbe passiert mit dem Filmbild: Gefilmt auf 35mm, zoomt Östlund in sein Bild hinein und wieder hinaus, schwenkt nach links, rechts, oben und unten. Je näher er rangeht, desto größer wird das Bildrauschen.

Nach der Preisverleihung werden Maria, mit der V2 Schneider die Preisverleihung besucht hatte, die Preisträger, K. und die Jury mit ihren BMW-Dienstlimousinen ins nahegelegene Horst Krzbrg chauffiert, wo sie umgehend vom darken Clubsound der DJs in eine andere Dimension katapultiert werden. Zum ersten Mal seit Jahren tanzte Schneider wieder, und dies für Stunden. Ein besonderer Vorfall gab ihm das Gefühl, dass die Welt beweglich sei, wenn man nur an die Welt zu glauben bereit ist.

Noch 58 Tage.

Tag zweihunderteinundvierzig

Berlinale-Tagebuch, Tag fünf. Um sieben Uhr in der Frühe wachte er in der Monumentenstraße auf und braute sich einen Kaffee, schwarz wie die Nacht. In der geräumigen Küche legte er sich zurecht, für welche Filme er sich in der Berlinale-Jury stark machen würde. Er nahm die S-Bahn ab Yorckbrücken, fuhr eine Station und stieg Anhalter Bahnhof aus. Im Hotel Mövenpick studierte er das Berlinale-Restprogramm und stellte fest, dass Michelangelo Angonionis »La Notte« sowie Curzio Malapartes »Il Cristo Proibito« in der Retrospektive laufen. Er rief K. an und bestellte sich die Eintrittskarten.

Mario fuhr ihn im Dienst-BMW zum Berlinale-Mutterschiff, wo sich die Jury in Dieter Kosslicks Privatkino im fünften Stock sammelte. K. hatte leckere Bretzeln, Serrano- und Emmenthaler-Baguettes, außerdem Bananen eingekauft und appetitlich auf einem kleinen Tisch aufgebaut. Den Filterkaffee hatte sie von Zuhause mitgebracht.

In riesigen Sesseln schauten sie sich in dem winzigen Vorführsaal drei Filme ein zweites Mal an, dann wussten sie, wem sie den Goldenen und den Silbernen Bären verleihen würden, außerdem einigten sie sich darauf welcher Film die Nominierung für den Europäischen Filmpreis sowie das DAAD-Stipendium erhalten würde.

Da das Gala-Dinner mit Werner Herzog, Constantin Costa-Gavras, Dieter Kosslick, Renée Zellweger und Yu Nan nicht in seiner Excel-Tabelle eingetragen war, erfuhr er zu spät von der Einladung. Da hatte er sich bereits mit R. in Neukölln zum Abendbrot verabredet.

Noch 59 Tage.

Tag zweihundertvierzig

Berlinale-Tagebuch, vierter Tag, chinesisches Neujahrsfest, was bedeutet: China befindet sich jetzt im Jahr des Tigers, während sich Europa im Jahr des Dachses bewegt. Er wurde in der Großen Hamburger Straße abgeholt und in einer großen BMW-Limousine zum Mittagessen auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zu Ehren der Internationalen Jury der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin in den China Club chauffiert, das war ein wohl recht hochexklusiver Club im siebenten Stock eines retromodernen Geschäftshauses mit einem atemberaubenden Blick auf das Holocaust-Mahnmahl von Peter Eisenman.

Der Bürgermeister, der Berlinale-Direktor sowie Werner Herzog halten kurze Reden, dann werden alle geladenen Gäste zu ihren Tischen geleitet. Serviert wird kantonesische Küche, als Vorspeise eine Variation gedämpfter Dim Sun, als Hauptgericht gedämpftes Kabeljaufilet auf Blattspinat in Sojasauce, sautiertes Filet vom Schwein mit Auberginen, geröstete Ente mit chinesischen Kräutern, im Wok gebratene Pilze mit grünem Spargel, Reis, dazu deutscher Riesling, schließlich, zum Dessert, eine Passionsfruchttart mit Vanilleeis sowie ein doppelter Arabica.

Als er alleine auf dem Balkon stand und nach unten blickte, schweigend eine Zigarette rauchend, sah er sich plötzlich neben Renée Zellweger stehend, die ein atemberaubendes blaues Cocktailkleid trug. Sie sah müde aus und machte mit ihrem BlackBerry Pearl ein Foto vom Mahnmal. Er bot ihr eine Zigarette an, sie lehnte dankend ab. Er fragte sie, ob sie sich wohlfühlen würde in Berlin, sie bejahte ausholend und stellte eine Gegenfrage:

»What do the rectangular pillars precisely stand for?«

»Honestly, I don’t know. But I can tell you about the memorial in general.«

»Please.«

»Well, have you ever been in there?«

»Yes, a couple of years ago, in spring.«

»Did you notice, that the sound of the city disappears when you are coming closer to the heart of the memorial? You lose contact, you lose connection to the outside world. You start to feel alienated. If you, for instance, are walking through the memorial with friends or your family, you will notice, that sooner or later some of them will disappear.«

»Maybe I should walk through it again today, with the snow between the pillars. I guess it will appear even more silent.«

»I once walked through the memorial with a little girl during an icy winter day. The ground was frozen and very slippery. You have to bear in mind that this site has been constructed with the greatest possible care. They thought about every detail. So, when you ask me, I am absolutely sure that they wanted it that way. You feel even unsafer when you may slip every moment.«

»Do you like the memorial?«

»I think of it as a sea of darkness that seperates you from the world.«

Und so redeten und redeten und redeten sie, über die Mauer und über Sonic Youth, Melbourne Manhattan und Berlin, und irgendwann wurde es Renée kalt, sie hatte ja auch kaum etwas an.

In der Nacht trat K. aus der Lautstärke der von der brasilianischen Botschaft geschmissenen Caipirinha-Party auf die eiskalte Terrasse, um eine Zigarette zu rauchen. Ihr war kalt, er bot ihr sein Jackett an.

Das Wort ›Saudade‹ lässt sich am besten mit ›Anwesenheit einer Abwesenheit‹ übersetzen. Im Taxi nach Schöneberg sah er seine Spiegelung in der Autoscheibe und dahinter die Stadt. Er schaute in müde Augen, aber nicht in zweifelnde.

Ende eines Erzählstrangs.

Noch 60 Tage.

Tag zweihundertneununddreißig

Berlinale-Tagebuch, Tag drei. Um 13:00 Uhr war er eingeladen zum Geburtstagsmittagessen seines langjährigen Freundes D. Zum ersten Mal in seinem Leben trank er Champagner der Marke Dom Perignon und zum ersten Mal Belugakaviar. Er schenkte D. ein Exemplar von Luis Buñuels »Mein letzter Seufzer« in der bis heute unübertroffenen Übertragung von Frieda Grafe und Enno Patalas, sowie eine mit Aquarellfarben übermalte Druckgrafik der Künstlerin R. Um 15:00 Uhr hetzte er zur ersten Jury-Sitzung mit Z. und S. im Beisein von K. und genoss das Mineralwasser, das ihm im Konferenzraum im Hyatt angeboten wurde.

Nach der Jury-Sitzung zog K. eine Zigarette aus der Tasche, und er zündete sie ihr an.

Hätten sie nicht darüber gesprochen, es wäre einem von beiden entgangen, dass der große Fernstecher, der in dem israelischen Film »The Descent« eine zentrale Rolle spielt, das letzte Objekt ist, welches der hebräischen Familie von ihrem verstorbenen Sohn geblieben ist. Die israelische Wüste liefert den ebenso staubigen wie intensiven Hintergrund für ein kohärentes Roadmovie über den Verlust. Eine einzige Dialogzeile Aufmerksamkeit oder Nichtaufmerksamkeit entscheidet über Gut oder Schlecht.

Während der spätnächtlichen Taxifahrt in die Große Hamburger Straße lauschte er stumm einem Streichquartett von Dimitri Shostakovich.

Noch ein Tag.